ONE DAY in Magdeburg.

Es ist Sonntag in Magdeburg, ein Tag, an dem man entweder gerne als Alkoholleiche seine Zeit im Bett verliegt und davon träumt, dass intravenös Vanillepudding über einen hereinbricht oder an dem man nach einer durchzechten Nacht morgens um 11 Uhr von den lebhaften Gesprächen der Menschen aus der WG-Küche geweckt wird, die sich vor  sechs Stunden sturzbetrunken – aber nicht weniger souverän und glaubwürdig – zum Brunchen verabredet hatten. Nach einem zweistündigen Aufwachritual mit allem Pipapo (in allererster Linie spreche ich hier von Kaffee) kommen die Anekdoten der letzten Nacht auf den Tisch.

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Quelle: giphy.com

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BOMBEN ZERSTÖREN VIELLEICHT HÄUSER, ABER NICHT DIE LIEBE.

 

Kennt ihr das, wenn man über das blank getretene Pflaster einer Jahrhunderte alten Stadt geht, vorbei an den geschichtsträchtigen Gemäuern, die mit vielen fleißigen Händen über Jahrzehnte hochzogen wurden und ihr daran denken müsst, wer hier alles schon vorbeigegangen war?  Da beginnt das Kopfkino. Das Geschichtenerzählen über das Gute und über das Böse.

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Ich blicke auf den Dom, denke an das, was er alles schon erlebt hat. Tausende von Menschen sind über die Zeit an ihm vorbeigezogen, haben in seinen Hallen gesungen, gepredigt, gebetet, Schutz gesucht, als die Stadt erschüttert wurde von Eindringlingen, von Feuer, von Bomben. Und trotzdem steht er noch. Wahrhaftig, mystisch und stolz. Weiterlesen

LASS SIE, SIE SIND DOCH NOCH KINDER.

Süffisant schlug Rosi ihre Beine übereinander und warf kokett ihr braunes Haar hinter ihre Schultern. Das Café war voll und beim Eintritt beschlugen einem sofort die Brillengläser. Reiner hatte seine Brille direkt nach dem Überschreiten der Türschwelle ins Warme abgenommen. Sein Erfahrungswissen hatte ihn zu diesem vorbeugenden Verhalten verholfen. So richtig clever kam er sich dabei allerdings nicht vor. Auf dem Weg von der Bahn bis zum Café war ihm aufgefallen, dass sein Hosenstall offenstand. Seine Hände, die an nun zu Affenarmen mutierten Gliedmaßen angedockt waren, versanken wie zwei schwere Ziegel in seinen Manteltaschen, damit der Gehrock seinen Schritt bedeckte und niemand die Zahnreihen seines geöffneten Reißverschlusses an seiner Hose, ein goldenes Krokodil, entdecken konnte. Weiterlesen

DA STEHT GESCHRIEBEN ; WIR.

Auf der roten Backsteinwand, vor der du stehst, während du mich ansiehst und mir ins Gesicht sagst, das ginge dir alles zu schnell mit mir und mit dir, es wäre doch noch viel zu kurz her, dass du eine andere hattest, die du so ansehen konntest – mit dieser ähnlichen Intensität, dieser Sänfte – ich sehe nur Steine, rot und Zementnähte grau und deine bebenden Lippen, die plötzlich so unküssbar erscheinen, als hätte sich von jetzt auf gleich die Welt gedreht; du bist mit dem Kopf noch woanders, säuselst du und ich denke daran, wie du dich am Morgen an mich schmiegtest und auf meine Worte, dass ich verliebt wäre und es mir weh tun würde, ein „mir geht es genauso“ erwidertest; ein „mir geht es genauso“, das sich so anfühlte, als könne ich mich ruhig öffnen, als würdest du mir signalisieren, dass die Luft rein war, ich herauskommen könnte aus meinem dunklen, schwarzen Bau;
Auf der roten Backsteinwand, vor der du stehst, während du mich ansiehst und mir klarmachen möchtest, dass du mich loswerden musst, da es dir zu nahe geht mit mir und dass du nach deinem Umzug vor vier Wochen erstmal dein inneres Zuhause aufräumen musst, anstatt direkt wieder eine Frau zu lieben, wenn es dir denn überhaupt noch einmal möglich wäre – ja, gerade wegen dieser Zweifel brächte es nichts, wenn ich hier bleibe bei dir und mit dir deine Bilder aufhänge, mit dir frühstücke, in deine Hausschuhe schlüpfe, weil ich kalte Füße habe; dabei habe ich dir Konfetti mitgebracht – sogar pinkes – und einen Ableger meiner Aloeverapflanze; Ist sie jemals weiter gewachsen?; Ich kann dir nicht mehr folgen, denn ich muss immerzu auf die Backsteinwand starren; deine Umrisse verblassen, je länger ich mich auf diesen Hintergrund konzentriere; es gibt keine Beweise für dich und mich und dafür, dass wir uns begegneten; es ist wie eine Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, weil ich gerne Geschichten erzähle; auch über meine gescheiterten Liebesbeziehungen; Liebe; auf der roten Backsteinwand steht geschrieben; ich halte mich zurück, als du mir sagst, dass du es versuchen würdest, wenn; wenn was?; es hat uns niemals gegeben, es existiert ein Foto, auf dem wir beide nebeneinander stehen und nach vorne in dieselbe Richtung blicken und dabei Musik hören, das ist alles, was von uns übrig geblieben ist, von diesem Abend, der für mich wie ein Start von etwas Gutem war; Liebe; Missinterpretationen; auf der roten Backsteinwand zeichne ich unseren Umriss mit einem Stück weißer Kreide nach; unsere Schatten wackeln und fließen ineinander, während wir beide vor den roten Ziegeln stehen und du mich ansiehst, mir sagst, dass du gerade nicht wüsstest, was du mit mir anfangen sollst; und ich ärgere mich darüber, dass du mich aus meinem sicheren, dunklen Bau gelockt und vor diese Wand gestellt hast; ich ärgere mich darüber, dass ich daran dachte mit dir zusammen zu sein, ich ärgere mich darüber, dass du mich nicht mehr auf diese Weise so ansehen willst, wie du es mit der anderen Frau vor mir tun konntest, weil ich nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort in dein Leben kam; ich ärgere mich darüber, dass ich in deine Hausschuhe geschlüpft bin;
Auf der roten Backsteinwand ist unser Umriss mit Kreide gemalt; Liebe; er ist das Einzige, was von uns übrig geblieben ist.
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Marina Abramovic, Quelle: giphy.com

 

 

Brexit

Es ist acht Uhr, ich habe frei und das einzige, was ich im Kopf habe ist BREXIT! Als Ottonormalbürgerin hat es mich zwar interessiert, aber bloß peripher tangiert, sodass ich nun nicht tagein tagaus die Zeitungen zum Thema durchwühlt habe. Hier und da schnappt man etwas auf und in allererster Linie war mir meine Direktverbindung die wichtigste Quelle, von der ich allerdings seit einigen Wochen nichts mehr gehört hatte. Ein guter Freund lebt in Großbritannien. Er war vor wenigen Jahren dank der EU-Gesetzgebung ohne große Probleme übergesiedelt, hat sich ein Leben dort aufgebaut; großer und stabiler Freundeskreis, geht einer mehr oder weniger sicheren Arbeit nach, verdient ausreichend Geld, um im wohlfahrtsstaatlichen Sinne vorsorgen zu können und führt ein ganz normales europäisches Leben. Ich denke, er würde seine kleine Stadt als sein Zuhause bezeichnen und das ist doch schonmal was. Ein Wert, den nicht jeder* in seinem Leben feststellen darf und kann.

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Quelle: giphy.com

Ich whatsappe mit ihm für anderthalb Stunden und es ist, als hätte ich eine übersinnliche Verbindung zu ihm an diesem Morgen: Denn er ist seit sechs Wochen ausgrechnet an diesem Morgen plötzlich für mich erreichbar und wir können endlich wieder kommunizieren. „Was passiert jetzt?“, lautet meine entsetzte Frage, nachdem ich den Facebook-gif-Post von Kulturradio mit dem entsetzten Mr. Bean-Gesichtsausdruck vernommen hatte. Er berichtet, dass er die ganze Nacht wach lag und es nicht glauben kann. Niemand* könne einschätzen, was dies jetzt für Konsequenzen habe. Nicht nur lebensweltpraktische Angelegenheiten wie „Ab wann gilt diese Entscheidung?“ und „Wie lange kann ich ohne Probleme in GB leben?“ beschäftigen ihn, sondern auch Dinge wie „Was bedeutet es für uns als Europäer? Was geschieht mit der Wirtschaft?“. Ich komme mir vor wie in einem riesigen Terrarium in einem Laborexperiment und irgendwer* hält eine riesenhafte Lupe über uns und dreht an ein paar Stellschrauben, um herauszufinden, wie die Affen da unten darauf reagieren. Kennt ihr das noch, als man als Kind eine Gruppe von Ameisen auf dem Asphalt mit Wassertropfen oder kleinen Zweigen irritierte und diese von oben beobachten konnte, wie sie ihr mehr oder minder strategisches Handeln umlenken mussten? Entsteht so Kreativität, Erfindungsgeist, gesellschaftliche Innovation oder führen derartige Veränderungen zu Protektionismus, Xenophobie und Schranken im Kopf?

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Fakt ist, dass diese Entscheidung bereits auf Angst beruht. Oder, wie mein Freund es sagen würde, auf zu wenig Bildung. Die Mitte der Bevölkerung in GB, aber nicht nur dort, sondern auch in Deutschland und anderswo in allen Wohlstandsnationen, leidet unter Unmündigkeit. Mir fällt die Dokumentation über Adorno ein, die ich vor Tagen streamte. Dort warf man ihm als Vertreter der These des Untergangs der Kultur einen biederen Konservatismus vor, den man mir nun sicher auch versuchen würde ans Bein zu binden. Aber spätestens, wenn wir uns die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen in der BRD anschauen, lassen sich die dystopischen Entwicklungen unserer westlichen Zivilisation nachzeichnen. Ich meine, wer wählt bitte eine Partei, deren Atrikulationsmuster darauf beruht, sich darüber zu beschweren, dass sie sich als Partei nicht ernstgenommen und von den Medien verfremdet inszeniert fühlt, während nebenbei wirklich abgründige innerparteiliche Ideologien nach außen dringen? Menschen, die das nicht merken, sind nicht dumm und/oder selber schuld, nein, sie wissen’s nicht besser oder eben gar nicht.

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MEIN ERSTES MAL IN MAGDEBURG.

Vor einer Woche hatte ich mein erstes Mal: Online-Dating in Magdeburg. Und meine Erkenntnis: Das ist in Magdeburg, genauso wie anderswo,  eine Aktivität, die gemacht wird, aber über die am liebsten niemand in der Öffentlichkeit spricht. Peinlich berührte Blicke werden verteilt, wenn man in einer geselligen Runde mit diesem Thema um die Ecke kommt und sich dann noch mit seiner zehnjährigen Karriere im Online-Dating als vollkommener Nerd outet. Was ist denn los mit euch? Kommt schon, ihr tut es doch auch. Weiterlesen

JUST ANOTHER REISEBERICHT: POTSDAM.

Es gibt Orte, die einen in ihren Bann ziehen, verzaubern, einen so tief in ihrem Anblick, ihrer ästhetischen Erscheinung  berühren, dass man sich dabei ertappt, wie man weinen muss. Ja, wäre ich eine historische Person, ich wäre sicherlich ein junger, kaputter, Literat, der seine schreibfreien Tage mit dem Fährtenlesen in den Parks verschlafener Rokokoschlösser verbrächte. Sinnsuchend wandelte ich im Morgennebel durch den Rosengarten und wartete, bis die Fontänen für den Tag in Gang gebracht würden. Sprudelnd wie das Wasser aus den Löwenmäulern zischte, so zischte auch mein Herz, wenn ich Schönheit erblickte. Weiterlesen

EIN MANN UND EINE FRAU AUS PAPIER.

Ein Mann und eine Frau, zur gleichen Zeit am gleichen Ort.
Das Universum zieht sich zusammen, faltet sich für einen Augenblick
und wir schweben, wir schweben,
nicht auf Wolken, wir könn‘ das so.

Ich hätte niemals gedacht so etwas nochmal zu erleben
und letzten Endes zu verkraften,
zu verschmerzen,
vergessen.

Die Liebe ist wie Regen; sie prasselt auf uns alle nieder und manchmal überschwemmt sie uns.
Nur mich, mich trifft sie nicht, sie lässt mich trocken, unberührt.
Meine Haut ist rau von zu viel Polyester in der Kleidung.

No Doubt - Don't Speak

Der Mann und die Frau,
sie sahen so aus wie du –
blond, grünäugig,
Hände, die feine Dinge erfühlen können;
beißt sich genauso nachdenklich auf die Lippen, wie du.
– und ich,
flattrig, klein, ängstlich, pinker Nagellack und viel zu viel Gefühl.

Das Universum scheint uns verschluckt zu haben.
Unsere Zeit  zusammen erscheint mir wie eine Erfindung.
Ja, ich habe dich mit mir,
unser Wir,
erfunden, du bist mein Hirngespinst.
Deine Schritte auf dem Parkett in deiner Wohnung, dein Flüstern in meinem Ohr,
deine kalten Bettlaken, die sich erst mit unserer Körperwärme aufladen mussten, um uns das Gefühl von Geborgenheit, von Wohlbefinden zu geben. Sie haben uns belogen.
Das sind alles Erfindungen meines kranken Hirns.

Ich gehe in das Café, in dem wir saßen, als wir uns das letzte Mal sahen und ich möchte hier eine neue Erinnerung hinterlassen, damit ich nicht immerzu an unsere letzte Begegnung denken muss, wenn ich hier erneut sein werde. Das ist so wie Staub wischen.
Ich möchte nicht ersticken an meinen Erinnerungen. Ich möchte dich loswerden, du Hirngespinst.
Es fällt mir leicht in einer anderen Stadt. Und doch suche ich deinen Gang unter den eigenartigen Gehweisen der Menschen im Getümmel. Ich suche deinen Duft, obwohl ich schon vergessen habe, wie er war. Vermutlich erkenne ich ihn just in dem Moment, in dem ich ihn vernehme. Aber das werde ich ja niemals mehr. Ich habe diesen Duft noch nie zuvor gerochen. Denn es gab ihn nie, ich habe ihn mir eingebildet, es war Fiktion.

Wir sahen aus wie aus einem Magazin ausgeschnitten und auf einen blanken Untergrund geklebt. Ein hübsches Schablonenpaar, zu schön um wahr zu sein. Ich erinnere mich an diese zwei Papiergestalten, die offensichtlich nur in 2D zusammengehörten. Eine Scherenschnittliebe.
Erinnere mich an den Mann und die Frau, die wir waren,
auch nur für Wochen, Tage, Minuten. Ich habe mir verboten Sekunden zuviel beizumessen.
Besser ist es, ich halte dich für eine Erfindung meiner Fantasie.
Deine Falte im Nacken, eine Stelle, die ich an dir gesucht habe; die dich zu etwas Besonderem macht.
Ich weiß noch, wie ich einfach an deiner Wange, deinem Hals in Höhe der Falte riechen wollte und mich nicht traute dich zu fragen, ob du etwas dagegen hättest.
Das Universum war wider meine Skepsis zusammengeschrumpft und es gab in diesem Augenblick, in dieser Nacht, in dieser Bar nur uns, uns und den Regen.

Ein Mann und eine Frau, nicht mehr als schwebende Elemente, Papierfiguren, in der allesmöglichen Luftleere.
Wir sind eine Erfindung, eine aufgezeichnete Idee,
nun zusammengeknüllt im Papierkorb.
Uns hat es nie gegeben. An diesem Ort, zu dieser Zeit.

HALOGEN.

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Streifen Halogenlichter neben dem Gehweg. Ich sehe die Ränder, kann dank dem Leuchten nicht stolpern, doch vielleicht passiert es mir trotzdem?
Meine Gefühle sind wirr, bunt und riechen nach Pappmaché. Ich habe keine Ruhe, um sie in eine Form zu pressen. Ich habe keine Zeit sie mir genauer anzusehen. Sie tun mir weh und je mehr ich mich mit ihnen beschäftige, desto härter, größer, ernster werden sie.
Straßenlaternenlichter beleuchten schweigend den Weg in der einsamen, stillen schwarzen Nacht. Frauenparkplätze ganz nah am Eingang, Ausgang, kurze Fluchtwege, Transparenz. Und trotzdem habe ich Angst, weil alle Wege wegführen von diesem Ort, dieses Loch. Das Loch bin ich.
Dramatisch platschen meine Tränen auf meine Wildlederschuhe und versickern dort wie auf Moos. In mir zerhacktes Gestein, Staub und auf der Fensterbank liegen Kehrblech und Handfeger. Es könnte alles so geordnet sein, doch ich habe kein Vertrauen mehr übrig in die Ordnung der Dinge, die Naturgesetze. Alles geht vorüber.
Und wenn der Morgen graut, dann wirkt das alles halb so wild. Alles tut halb so weh, ist halb so gefährlich. Meine Knie sind geschwollen von der Nacht. Asphaltblut und ein Loch im Jeansstoff. Keiner hat’s gesehen, wie ich fiel. Und nun gehe ich wieder. Im Hellen. Ohne Hilfe aufgestanden.
Das muss ausgesehen haben.
Die Straße blank im Sonnenlicht und ich ganz einsam im Konfettiregen.