BOMBEN ZERSTÖREN VIELLEICHT HÄUSER, ABER NICHT DIE LIEBE.

 

Kennt ihr das, wenn man über das blank getretene Pflaster einer Jahrhunderte alten Stadt geht, vorbei an den geschichtsträchtigen Gemäuern, die mit vielen fleißigen Händen über Jahrzehnte hochzogen wurden und ihr daran denken müsst, wer hier alles schon vorbeigegangen war?  Da beginnt das Kopfkino. Das Geschichtenerzählen über das Gute und über das Böse.

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Ich blicke auf den Dom, denke an das, was er alles schon erlebt hat. Tausende von Menschen sind über die Zeit an ihm vorbeigezogen, haben in seinen Hallen gesungen, gepredigt, gebetet, Schutz gesucht, als die Stadt erschüttert wurde von Eindringlingen, von Feuer, von Bomben. Und trotzdem steht er noch. Wahrhaftig, mystisch und stolz. Bauwerke, Gemäuer, Bäume, geerdete Steinplatten, all diese witterungsresistenten Alltagsselbstverständlichkeiten, um die das soziale Leben einer Stadt geschieht, sie beobachten, sie flüstern uns zu, erzählen uns die Geschichten.

Wie muss es an jenen Orten der Welt sein, die heutzutage von Feuer, von Bomben, von Krieg betroffen sind? Was erzählen die Häuser in Sarajevo oder Syrien für Geschichten? Hört ihnen überhaupt jemand* zu? Schon oft dachte ich daran, wie es sein würde, wenn man dort heute hinkäme und die Mauern, die Häuserwände zu Wort kommen ließe.

Ich sah neulich den Film „Born Twice“ (2012) des italienischen Regisseurs Sergio Castellitto, der damit den Romanstoff seiner Ehefrau auf die Leinwand brachte. Hier geht es um ein Liebespaar in Sarajevo, als kulturell reiche und pulsierende Stadt im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien dargestellt. Mit Penelopé Cruz und Emile Hirsch hat der Film auch – trotz europäischer Produktionsakteure – aus Popularitätsaspekten eine Neugierde entfachende Wirkung. Er war jedoch ganz an mir vorüber gezogen.

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Quelle: Amazon

Geschichten setzen sich fest, ob gut ob böse. Sie wachsen wie Kletten an der Wand empor, legen sich um die roten Backsteine und schnüren ihnen die Luft ab.

Doch Mauern speichern – genauso wie das Elefantengedächtnis kleiner Kinder –  nicht nur die Kanonenkugeln der Gewehre, gerichtet auf alles, was sich bewegt, die Kugeln, Bombensplitter, die in ihre Fassade eindringen – grobe externe  Erschütterungen – sondern sie merken sich auch die zwischenmenschlichen Ereignisse, das Subtile, kleinteilige Szenerien des Sozialen, Grausames und Schönes und Unvergängliches wie die Liebe zwischen zwei Menschen.

Der junge amerikanische Fotograf Diego (Emile Hirsch), ein Freigeist und auf der Suche nach dem Leben, lernt durch den gemeinsamen jugoslawischen Freund Gojko die Italienerin Gemma (Penelope Cruz) kennen und verliebt sich sofort in sie. In Innigkeit und Leidenschaft verbringen sie ihre Zeit als Liebespaar in Sarajevo, genießen das Leben im gemeinsamen Freundeskreis, der aus Intellektuellen, Künstler_innen, besteht.  Sie träumen von einer gemeinsamen Familie. Dann erfährt Gemma von der Unfähigkeit ein Kind zu gebären und ist zutiefst erschüttert, in ihrem Frausein, ihrem Menschsein. Die Diagnose strapaziert wie ein giftiger Pfeil das Liebesband zwischen den beiden und treibt beide dahin, mithilfe einer Leihmutterschaft doch noch den Kinderwunsch zu realisieren. Ein schuldloser dicker Bauch einer schwangeren Frau, die erschöpft durch die Schneelandschaft eines Friedhofs stapft. Es herrscht Krieg und sie bekommt ein Baby. Ein schmerzlicher Kontrast zwischen unbedachter Unschuld und einem bestialischen Bruch mit der Würde des Menschen.

Die Geschichte lebt durch die komplexen Verstrickungen zwischen den einzelnen Persönlichkeiten, das im Film mithilfe von Flashbacks strukturiert wird. So wird der_die Zuschauer_in gleich zu Beginn in einen emotional involvierenden Sog der Geschichte verwickelt und erahnt die bittere Auflösung durch das entschlüsselnde Nacherzählen der Liebe zwischen Gemma und Diego.

Gemma, die Protagonistin dieser Geschichte in Sarajevo, flieht mit dem Kind, das im Bürgerkrieg das Licht der Welt erblickte. Noch zwei Jahrzehnte nach dem Verlassen dieses Kriegsszenarios schützen sie eingespielte Verdrängungsmechanismen vor der Erinnerung an diesen Ort, an dem sie die Liebe ihres Lebens zurückgelassen hat. Den Preis, den sie hierfür zahlte, war ein Drittel des Lebens voller Rastlosigkeit, Sehnsucht und voller Unwissen darüber, was mit ihrem Diego geschehen war.

Neben vielen fantastisch bebilderten Szenen ist es vor allem die eine, in der man aus dem Wohnraum Gemmas und Diegos durch die drei Rundfenster hinaus auf die Stadt Sarajevo schauen kann, die mich besonders bewegt. Von jetzt auf gleich verliert diese unter dem Bombenmeer ertrinkende Stadt ihre friedliche Leichtigkeit. Die Häuserwände erzittern, Gläser klirren, Bilderrahmen fallen zu Boden, Feuer und Rauch steigt draußen auf. Schreie von draußen, von drinnen, von allen Seiten. Die Autos fahren hinaus aus der Stadt. Chaos.

Vor einer ähnlichen Fassade wird wohl auch der Dom einst am glutroten Horizont erschienen sein.

Für Bomben ist Zeit relativ, sind Menschen egal. Und so mancher* erinnert sich heute, erzählt dieselben Geschichten wie die Häuser, die Mauern.

Die Stadtmauern Sarajevos, die Reste der Häuserwände, die Bäume, das Pflaster auf den Straßen, so stelle ich mir vor, jammern und flüstern ihre Geschichten von den Bomben, dem Feuer, den Gewehren und Gewalttaten, von dem Bösen, aber es vergeht auch niemals ein Tag, an dem sie nicht über die Liebe, dem Guten, erzählen, die wie ein Moosgewächs samtig, umschlungen, schützend, um sie herumgewachsen war.

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