Brexit

Es ist acht Uhr, ich habe frei und das einzige, was ich im Kopf habe ist BREXIT! Als Ottonormalbürgerin hat es mich zwar interessiert, aber bloß peripher tangiert, sodass ich nun nicht tagein tagaus die Zeitungen zum Thema durchwühlt habe. Hier und da schnappt man etwas auf und in allererster Linie war mir meine Direktverbindung die wichtigste Quelle, von der ich allerdings seit einigen Wochen nichts mehr gehört hatte. Ein guter Freund lebt in Großbritannien. Er war vor wenigen Jahren dank der EU-Gesetzgebung ohne große Probleme übergesiedelt, hat sich ein Leben dort aufgebaut; großer und stabiler Freundeskreis, geht einer mehr oder weniger sicheren Arbeit nach, verdient ausreichend Geld, um im wohlfahrtsstaatlichen Sinne vorsorgen zu können und führt ein ganz normales europäisches Leben. Ich denke, er würde seine kleine Stadt als sein Zuhause bezeichnen und das ist doch schonmal was. Ein Wert, den nicht jeder* in seinem Leben feststellen darf und kann.

Matt mr bean car qa

Quelle: giphy.com

Ich whatsappe mit ihm für anderthalb Stunden und es ist, als hätte ich eine übersinnliche Verbindung zu ihm an diesem Morgen: Denn er ist seit sechs Wochen ausgrechnet an diesem Morgen plötzlich für mich erreichbar und wir können endlich wieder kommunizieren. „Was passiert jetzt?“, lautet meine entsetzte Frage, nachdem ich den Facebook-gif-Post von Kulturradio mit dem entsetzten Mr. Bean-Gesichtsausdruck vernommen hatte. Er berichtet, dass er die ganze Nacht wach lag und es nicht glauben kann. Niemand* könne einschätzen, was dies jetzt für Konsequenzen habe. Nicht nur lebensweltpraktische Angelegenheiten wie „Ab wann gilt diese Entscheidung?“ und „Wie lange kann ich ohne Probleme in GB leben?“ beschäftigen ihn, sondern auch Dinge wie „Was bedeutet es für uns als Europäer? Was geschieht mit der Wirtschaft?“. Ich komme mir vor wie in einem riesigen Terrarium in einem Laborexperiment und irgendwer* hält eine riesenhafte Lupe über uns und dreht an ein paar Stellschrauben, um herauszufinden, wie die Affen da unten darauf reagieren. Kennt ihr das noch, als man als Kind eine Gruppe von Ameisen auf dem Asphalt mit Wassertropfen oder kleinen Zweigen irritierte und diese von oben beobachten konnte, wie sie ihr mehr oder minder strategisches Handeln umlenken mussten? Entsteht so Kreativität, Erfindungsgeist, gesellschaftliche Innovation oder führen derartige Veränderungen zu Protektionismus, Xenophobie und Schranken im Kopf?

ant dandelion

Quelle: giphy.com

Fakt ist, dass diese Entscheidung bereits auf Angst beruht. Oder, wie mein Freund es sagen würde, auf zu wenig Bildung. Die Mitte der Bevölkerung in GB, aber nicht nur dort, sondern auch in Deutschland und anderswo in allen Wohlstandsnationen, leidet unter Unmündigkeit. Mir fällt die Dokumentation über Adorno ein, die ich vor Tagen streamte. Dort warf man ihm als Vertreter der These des Untergangs der Kultur einen biederen Konservatismus vor, den man mir nun sicher auch versuchen würde ans Bein zu binden. Aber spätestens, wenn wir uns die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen in der BRD anschauen, lassen sich die dystopischen Entwicklungen unserer westlichen Zivilisation nachzeichnen. Ich meine, wer wählt bitte eine Partei, deren Atrikulationsmuster darauf beruht, sich darüber zu beschweren, dass sie sich als Partei nicht ernstgenommen und von den Medien verfremdet inszeniert fühlt, während nebenbei wirklich abgründige innerparteiliche Ideologien nach außen dringen? Menschen, die das nicht merken, sind nicht dumm und/oder selber schuld, nein, sie wissen’s nicht besser oder eben gar nicht.

 

„Stillstand ist der Tod, geht voran, bleibt alles anders.“ (Zitat aus „Bleibt alles anders“, Herbert Grönemeyer)

Ebenso wie die Mehrheit der AfD-Wählerschaft, die Adorno sicherlich mit dem autoritären Persönlichkeitstyp in Verbindung gebracht hätte, so auch etwa mehr als die Hälfte der britischen Wählerschaft sind einem manipulierten Bild der sozialen Wirklichkeit zum Opfer gefallen. Und zu allem Überfluss wird kurzerhand das Wahlversprechen no. 1 nach der Ergebnisverlesung plötzlich über Bord geworfen. Nein, die durch den EU-Austritt errungenen Finanzressourcen können gar nicht in das staatliche Gesundheitssystem investiert werden. Das ist so, als habe man sich nach jahrelangen Überlegungen aufgrund seines ländlichen Wohnortes nun doch für die Anschaffung eines Autos entschieden und würde nun feststellen, dass der Wagen keine Räder hat. Also sitzen die britischen Bürger_innen nun da – mit ihrer direktdemokratischen Einflussnahme, erleichtern mit ihrer Wahltätigkeit überforderten Politiker_innen Entscheidungsprozesse z. B. in Bezug auf die sogenannte Flüchtlingskrise und nehmen ihnen auch noch unbewusst die schwierige Aufgabe der Findung von Lösungen, die nicht nur schnell effektiv, sondern auch nachhaltig wirken, ab. Dabei sind es doch die Spezialist_innen der Politik, die sich aufgrund ihrer Ausbildung, mit diesen Aufgaben zu beschäftigen haben.  Ich lasse ja auch keine unfähige Person ans Steuer und setze mich voller Vertrauen auf den Beifahrersitz. Aber das ist es, was da m. E. abging in GB.

death proof

Szene aus Death Proof (2007) | Quelle: giphy.com

Ich habe meine Wurzeln im Handwerk. Da hat man (noch) ein ganz anderes Verständnis von Zuständigkeiten. Als Schneider_in fertige ich Kleidung an. Als Bäcker_in backe ich Brot. Als Bürgermeister_in treffe ich Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls meiner Bürger_innen. Das hat alles seine Ordnung. In einer ausdifferenzierten Arbeitswelt wird jedes hier mitwirkende Element gemäß seiner Fähigkeiten (Aristoteles würde sicherlich von einer natürlichen Bestimmung ausgehen, was sehr problematisch ist) mit bestimmten Aufgaben, die ebendiesen Fähigkeiten entsprechen, zugeordnet. Solche Vorstellungen von Staat und Gesellschaft galten schon in der Antike. Das  Herrschaftssystem der Demokratie sieht Repräsentant_innen vor, die durch das Volk gewählt wurden und den Volkswillen artikulieren. Die Befähigung, den Volkswillen zu kanalisieren, ist das, was zur Berufung eines Politikakteurs dazugehört. Er_Sie entscheidet auf Grundlage seiner_ihrer Ausbildung und Spezialisierung im Sinne des Volkes und er_sie kompensiert Schwachstellen, die das Volk aufgrund von Unwissenheit zu fehlerhaften Entscheidungen treiben würde, indem er_sie für seine_ihre Entscheidungen im Vorfeld behutsam alle möglichen Alternativen abklopft. Eine hohe Verantwortung. Auch darüber ist sich der Politkakteur im Klaren.

film francois truffaut franois truffaut ray bradbury fahrenheit 451

Quelle: giphy.com

 

Als Bürger_in erwarte ich das von einer_m Politiker_in, ganz egal, welchen Bildungsabschluss, welche Herkunft, welches Geschlecht, welches Alter, welche Hautfarbe oder welche Religion ich habe. Ich bin ein_e Bürger_in dieses Staates und ich habe ein Anrecht darauf, dass – um es im Bildzeitungsjargon zu formulieren – die da oben Entscheidungen treffen, die nicht fahrlässig, sondern im Sinne der Zukunft der Gesellschaft dienlich sind. Um wieder zurück zu meinem Adorno zu kommen: Was aber, wenn die höhere Instanz, also „die da oben“, uns plötzlich einräumen, große Entscheidungen selber treffen zu können? Ist diese Entscheidung der Verantwortungsabgabe nicht eine fahrlässige, insbesondere in einem Staat, der im historischen Rückblick niemals mit direktdemokratischen Wahlverfahren in Berührung gekommen ist (anders z. B. als die Schweiz) ?  Gerade bei gesamtgesellschaftlich relevanten Fragen, wie die nach einem Verbleib in der EU, ist es doch nahezu fahrlässig einem Volk hier die Entscheidungsmacht zuzuweisen. Ich gehe noch weiter zu behaupten, dass es sich um eine politische Entscheidung aus einer Unfähigkeit heraus handelt, einer größtenteils unmündigen Bürgerschaft ein solches Entscheidungsrecht einzuräumen, schließlich geht es nicht um Fragen nach der Beschaffenheit von Konsumgütern o. ä (Stichwort Gurke). Natürlich, nach außen lässt sich so ein Verfahren gut verkaufen: Es ist medial verträglich, legt eine tief demokratische Symbolik an den Tag, bewegt sich entgegen dem negativen Image der Politik und fördert die Wahlbeteiligung. Mein deutscher Freund in GB, der die ganze Nacht wach lag und vor dem Fernsehbildschirm klebte, der sich nun überlegt, wie er weiterlebt (und ich meine wirklich LEBEN, denn es tangiert seine Existenz), er schildert die Stimmung der letzten Wochen, in denen man nichts von ihm hörte, weil er bangte. Es ist von Angst um Arbeitsplätze die Rede. Von Fremdenhass. Von Kurzschlussreaktionen. Das sind keine Hirngespinste der Menschen, die aus dem Nirgendwo kommen, sondern m. E. Resultate der medialen Konstruktion einer falschen Wirklichkeit.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Drei Stunden später stehe ich auf. Wir haben anderthalb Stunden gechattet, danach habe ich noch eine Runde geschlafen. Die Hitze passt zur Stimmung. Ich freue mich ihn mal wieder „gesprochen“ zu haben. Ich bin allerdings zugleich schockiert, traurig und ich weiß nicht, was das bedeutet: BREXIT. Es klingt wie eine Zahnpastamarke oder Schuhputzkrem.

80s 1980s commercial 1984 toothpaste

Quelle: giphy.com

Ich spüre ein Stechen in meinem Innern, wenn ich an diese Nachricht denke, die mich heute Morgen aus dem Schlaf holte. Es ist ein bisschen so, als hätte sich ein Pärchen in meinem engen Freundeskreis getrennt, nur globaler. Ich glaube nicht mehr an die Liebe, genauso wenig, wie an Europa als utopischer Ort für eine bessere Gesellschaft. Aber ich glaube an das Gute im Menschen. Das würde der kulturpessimistische Adorno sicher nicht unterschreiben. Der Schlüssel zu allem ist Bildung. Und damit meine ich nicht stupide Mathematik lernen, oder in zwölf Jahren die Schule schaffen, um mit 25 den Master zu haben – möglicherweise auch noch in Politikwissenschaften. Das System ist fahrlässig. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für GB. Stellt euch vor, ihr wacht morgens auf und irgendjemand* konfrontiert euch mit einer Entscheidung, die nicht einmal ein_e erfahrene_r Politiker_in einfach so treffen kann.

Kann mal bitte Jemand* im Jenseits anrufen und Helmut Schmidt fragen, ob er ein paar lindernde Worte auf den Lippen hat?

Wie wird es weitergehen? Was ist das europäische Wir? Gab es das jemals? Sind und waren wir die ganze Zeit nur Wirtschaftspartner – also keine Freunde, nur Bekannte? Wenn wir jetzt nicht aufpassen, bleiben wir stehen mit unserem Auto, in der Einöde, trockene Wüste, ganz alleine, kein Wasser, nur Angst, Angst davor, dass etwas anders wird. Aber das wird es doch – EU hin oder her – so oder so.

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