DIE 20ER. EIN RESÜMEE.

In diesem Jahr ist es soweit. Ich werde 30 Jahre alt. Ich habe also drei Jahrzehnte auf diesem Erdball verspielt. Meine Frage: Sinnvoll? Ich könnte vieles schreiben, ich habe keine Angst vor der 30. Ich freue mich sogar. Es erscheint mir wie eine Grenze, ein Cut, wie ein Umzug, eine Chance, die sich auftut ANDERS zu werden, nicht besser oder schlechter. Alles ist drin. Ich weiß nur nicht, auf was genau ich mich aus diesem bunten Sammelsurium an Dingen, Richtungen, Denk- und Lebensstilen fokussieren möchte. Das sind Luxusprobleme, würden eine historische Person aus einer anderen Epoche, dem dreißigjährigen Krieg, der Antike oder gar mein Opa sagen. Naja, aber Opa hätte wohl vieles ähnlich gemacht wie ich, ähnliche Fragen an das Leben gestellt, hätte er die Chancen, die Sprache dazu gehabt.

Rekonstruktion der Lebensbedingungen.

Auf der Suche nach seiner eigenen Authentizität bietet sich in der Regel ein Blick zurück an.

focus foucault

Michel Foucault. Quelle: giphy.com

Im Allgemeinen geht es, wenn wir mal ehrlich sind, im heißen Lebensjahrzehnt der 20er um die Entwicklung und Verfestigung der großen drei existenziellen Bereiche des Lebens: 1. den Beruf 2. Freundschaften und 3. die Liebe. Ich kann euch viele positive und negative Dinge über meine Freundschaften erzählen. Einige endeten still und leise, eher selten mit Streit, aber ihr Ende bereitete mir immer sehr starke Herzschmerzen, denn ich bin eigentlich nicht der Typ, der eine enge freundschaftliche Verbundenheit aktiv auflöst. Sodann plätschert so mancher Kontakt dahin und verliert sich oder es kommt der abrupte Bruch, oft, wenn sich im eigenen Leben etwas grundlegend verändert, sei es durch einen neuen Partner, einen Umzug oder familiäre Schicksalsschläge. Mir kommen die 20er wie eine Art soziales Sieb vor, indem die Persönlichkeiten herausselektiert werden, die einen sein Leben lang begleiten werden. Die kleinen Goldstücke in etwa. Das bedeutet nicht, dass die, die aus dem Sieb herausgefallen sind als Menschen weniger wertig sind. Nein. Auch sie waren größtenteils Goldstücke. Ich vermisse viele von denjenigen, die leider durchgesiebt wurden, sind sie mir doch einfach entwischt. Denn manchmal sind soziale Beziehungen zu intensiv, zu aufwühlend, zu nah, man ist sich zu ähnlich, man lebt ähnlich intensiv und man berührt sich zu sehr, sodass die Gefahr besteht miteinander zu verschmelzen, was nicht gut wäre für einen selber. Manchmal tut so etwas wie ein Ortswechsel gut, weil man eine Ausrede parat hat, dass ein Kontakt sich verflüchtigt hat, weil man diesen nie selber aktiv beenden konnte. Ich gebe zu, das klingt feige, aber ich möchte niemandem vor den Kopf stoßen, indem ich einfach etwas beende, weil ich mich selber nicht dabei gut fühle. Da komme ich mir egoistisch vor. Ich finde, manchmal bedarf es keine Worte. Manchmal sind die Dinge im Zwischenmenschlichen einfach so wie sie sind. Zudem sieht man sich immer zweimal im Leben. Das klingt jetzt ein bisschen pathetisch, ich weiß.

Die Liebe. Der ewige K(r)ampf.

Übergehen können wir an diesem Punkt gerne zum Thema Liebe. Aufgrund meiner (Mädchen-) Sozialisation, die hauptsächlich gekennzeichnet ist von Walt Disney-Trickfilmen, Barbie, James Bond, Lassie, Nickelodeon, lila- und pinkfarbigen Klamotten, mobbing, unglücklich verheirateten Eltern und Ballett- und Musikunterricht, hatte ich infolgedessen immerzu auch besondere, ja vielleicht aus heutiger Sicht überzogene Ansprüche in Bezug auf einen Partner.

michael fassbender inglourious basterds

Michael Fassbender | Quelle: giphy.com

In den 20ern badete ich das aus, was ich mir durch meine Zeiten als Teenie-Außenseiter unbeabsichtigt eingebrockt hatte: Schwärmereien für Jungs, die unnahbar waren. Während ich also die Männer uninteressant fand, die „leicht verfügbar“ waren, verspürte ich stets den Wunsch nach mehr. Inwiefern dieses mehr zu definieren war, das stand auf einem anderen Blatt. Mir fallen viele Männernamen ein, zu denen ich ein und dieselbe Geschichte erzählen könnte. Ein recht selbstbewusst wirkender und geselliger Mann mit dem Hang zum Tragischen tritt plötzlich auf die Bühne meines Lebens, blickt hinein in das Publikum und lässt sich feiern, während ich am Bühnenrand hocke und große Augen bekomme, aber auch nicht von ihm gesehen werde, denn das Licht der Bühne blendet ihn. Hach, wie romantisch. Das könnte die (moderne) Geschichte des Zahnspange tragenden Aschenputtels sein. Nur leider hatte ich nie so das Glück zum Happy End. So malte ich mir ein Bild eines Menschen, durch all meine Mühe und meine Leidenschaft völlig überzeichnet, heftete es mir heimlich in meine Geldbörse, sodass niemand davon erfuhr und verpasste den Moment, in dem ich vielleicht etwas hätte sagen können. Zum Beispiel so etwas wie „Hallo, hier bin ich.“ Oder so. Und selbst, wenn es dazu kam, dass man plötzlich knutschend im Dunkeln vor der Geisterbahn auf der Rheinuferkirmes, oder im betrunkenen Zustand in der abgeranzten Eckkneipe in Bochum endete, blieb man trotzdem – innerlich – dieses Außenseitermädchen, welches sich dann in der Postadoleszenzphase bei den Männern als „Affärenfrau“ mauserte. Welch brillanter sozialer Aufstieg. Die Männer, die ich mit Anfang 20 traf, unterscheiden sich nicht von den Männern, die ich heute treffe. Nur ich unterscheide mich.

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echt krankter Scheiß der 90er: Die Serie „Gegen den Wind“ | Quelle: amazon.de

Ich habe angefangen, eine Meinung zu haben. Ja, ernsthaft. Früher ging es einfach darum, einen interessanten Mann zu treffen, der mich inspiriert. Heute geht es neben dieser als Voraussetzung für ein Date gültigen Eigenschaft darum, was ich eigentlich fühle. Ich bin ziemlich oft im Verlauf meiner 20er in Situationen hineingeraten, weil ich zwar neugierig war, aber nicht weitergedacht habe. Und wenn man nun noch einmal auf meine sogenannte Zielgruppe, häufig verletzte, hypersensible Typen zeitgleich mit Sehnsucht nach Abenteuern und nach seiner Exfreundin, blickt, so könnt ihr euch ausmalen, zu was unsere Begegnung letztendlich führte. Ich glaube, das ist unser Paket, was wir uns im Laufe unserer 20er zusammenschnüren. All diese Enttäuschungen, diese Unverbindlichkeiten. Ich war immer schon eine Realistin. Zu einem meiner wenigen festen Partner sagte ich einmal: „Das mit uns ist sowieso nicht für ewig. Wir sind so jung und es gibt noch so viel da draußen.“ Da war ich 20. Was für ein Arschloch ich doch war. So eine Aussage ist traurig würden die einen nun sagen und eigentlich hat sich gar nichts verändert an dieser Meinung. Andererseits ist diese Einstellung auch entspannend, denn sie zeigt, dass ich mich selber nicht unter Druck setze. Ich habe nie vorgehabt Kinder zu bekommen mit Ende 20, wie es Freundinnen getan und mittlerweile realisiert haben. Andere wiederum würden behaupten, dass ich noch nie die richtige Liebe für einen Menschen empfunden habe. Dem kann ich widersprechen. Habe ich. Und ich habe auch meine Abrechnung für meine Arschlochhaltung erhalten. Ich denke an dieses Gefühl und es macht mich traurig. Weil es viel zu viel ist. Diese Liebesempfindung, das ist nichts, was ich leicht ertragen kann.

shut up anne hathaway the princess diaries

Quelle: giphy.com

Das Leben der Bohème oder so.

Ich habe gestern eine Dokumentation über Picasso geschaut und aufgeschnappt, er sei ein sehr destruktiver Mensch gewesen, hat er doch selber auf lange Sicht die Beziehungen zerstört, die ihm gut taten und das geduldet, was ihm weniger gut tat. Das brauchte er, um kreativ tätig zu werden. Es wäre gelacht mich mit Picasso zu vergleichen, aber ich erkenne mich in seinem Lebensstil wieder, nicht weil ich es gut finde, ich bin kein großer Picasso-Fan, nein, weil es so aus mir herauskommt. Das ist mein Wesen. Und nun, mit Ende 20, da bin ich eben auch einer von diesen vielen, gebrandmarkten, kaputten, sehnsüchtigen, vielinteressierten und desorientierten Singlewesen, die nun alle Hochzeiten und Geburtstage alleine abklappern können. Das ist nicht schlimm, aber die Gesellschaft macht oft etwas Schlimmes daraus. Ja, Leute, ich bin langsamer in manchen Sachen. Zum Beispiel merke ich erst jetzt, mit Ende 20, dass ich als kinderlose Frau irgendwann nur noch meinen Bruder und meine Cousins und Cousinen und deren familiären Anhang habe, da meine ganzen anderen wichtigen Bezugspersonen, die alle viel viel älter sind als ich, mich alleine gelassen haben. Ist das etwa der Grund, warum Menschen Kinder bekommen? Mir Gedanken darum zu machen, war mir nie wichtig.

Stattdessen setzte ich meine Prioritäten stets auf pragmatische Aspekte. Ich wollte meine Lebenszeit möglichst sinnvoll einsetzen und nicht für unnötigen Schwachsinn verschwenden. Im Endeffekt sitze ich nun hier mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium und weiß immer noch nicht, wo genau es hingehen soll. Ich habe einfach zu viele Interessen und bin ganz gut in vielen Dingen, aber nicht richtig gut in einer Sache. Das ist mein Gefühl. Mit gefährlichem Halbwissen durch das Leben spazieren ist vielleicht einerseits mutig, aber andererseits auch naiv. Willkommen in meinem bescheidenen Leben.

Es gibt Berührungspunkte zwischen Sinn und Schwachsinn.

art art & design style hoppip artist

Quelle: giphy.com

Ja, die 20er, sie waren aufregend, sie waren prägend, es waren drei Leben in zehn Jahren und ich bin irgendwie immer noch dieselbe Person. Mal sehen, was jetzt kommt. Mit 30, so sagen viele andere, wird alles anders. Ich lache und sage: Ja, genau. Wird es ja auch. Zum Glück. Das ist auch das Einzige, was uns antreiben kann. Alle Dinge um uns herum werden anders, das liegt nicht am Lebensalter 30 als solches. Häuser werden abgerissen, an denen man als Kind mit dem Rad vorbeifuhr. Neue Wege werden gebaut, die einem unsicher erscheinen, weil man nicht genau weiß, wohin sie führen. Viele Dinge verändern sich und einiges wird schlechter. Zum Beispiel, dass das von mir jahrelang gekaufte Deo plötzlich ein anderes Design und einen anderen Duft hat, oder dass ich wohl bald nicht mehr in den Genuss des NRW-Studentenbahntarifs komme. Wenn es nur das wäre, was? Aber manches wird auch besser. Zum Beispiel, dass ich meinem Bauchgefühl mehr Beachtung schenke und weniger fatalistisch und unsicher, sondern sexuell und emotional emanzipierter, ja offener bin. Dass ich mich nicht mehr so leicht beeindrucken lasse und weniger einfordere. Und dass ich mich weniger unter Druck setze. Jaja und vieles weitere. Alles wird anders. Zum Beispiel das Berufstätigsein. Ich fühle mich wie Wendy, die aus dem Kinderschlafzimmer ausziehen muss, weil sie zu ihrem Geburtstag nun „erwachsen werden muss“ und nun darum bangt den Besuch Peter Pans zu verpassen. Nix da, mein ich wird nicht erwachsen. Ich bin immer noch hier bei mir und schreibe, mache Musik und bleibe das nerdige Mädchen mit demselben leuchtenden inneren warmen Kern, meiner Lebenskraft.

peter pan wendy tinkerbell

Quelle: giphy.com

Fazit: Ja, war ganz sinnvoll, diese letzten zehn Jahre. Vielleicht ein bisschen viel auf einmal. Ein buntes Potpourri an Gefühlen. Das soll mal wer bewältigen. Ich zehre. Noch Jahre.

 

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