JUST ANOTHER REISEBERICHT: POTSDAM.

Es gibt Orte, die einen in ihren Bann ziehen, verzaubern, einen so tief in ihrem Anblick, ihrer ästhetischen Erscheinung  berühren, dass man sich dabei ertappt, wie man weinen muss. Ja, wäre ich eine historische Person, ich wäre sicherlich ein junger, kaputter, Literat, der seine schreibfreien Tage mit dem Fährtenlesen in den Parks verschlafener Rokokoschlösser verbrächte. Sinnsuchend wandelte ich im Morgennebel durch den Rosengarten und wartete, bis die Fontänen für den Tag in Gang gebracht würden. Sprudelnd wie das Wasser aus den Löwenmäulern zischte, so zischte auch mein Herz, wenn ich Schönheit erblickte.

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Schlosspark Sanssoucci, April 2016

Vor mir liegt eine Landstraße mit ziemlich marodem Asphalt. Löcher und ich denke an die Straßen auf Kreta, ebenfalls nach nirgendwo irgendwo führend löst auch diese Straße eine Art Angst in mir aus, die ich schnell unterdrücke. Ich bin allein. Allein auf dieser Welt.

Die Straße führt durch einen ziemlich kleinen, ziemlich hässlichen Ort. Zwei drei Häuser, mehr nicht. Ein Pappaufsteller von einem längst vergangenen Dorffest und keine Menschenseele weit und breit. Mein altes Vehikel rappelt und ich bete inständig, dass es generell und insbesondere in diesem Augenblick erst recht nicht den Löffel abgibt. Als die Fahrbahn einspurig wird, ist mir plötzlich bewusst, dass es keinen Weg zurück gäbe, ich hätte immer weiter geradeaus zu fahren. Bis ich dann irgendwann hoffentlich ankomme. Die Navi-Frauenstimme, der bisweilen von zwei meiner sinnfreien und erfolgslosen und autobesitzenden Exliebschaften, komische degradierende Frauennamen gegeben wurde, befiehlt, weiterzufahren. Skeptisch bleibe ich am Ball und werde belohnt. Vor mir liegt er, dieser Ort, so plötzlich aus dem Erdboden vor meinen Augen wie ein goldenes Schiff am Horizont, der Ort, von dem ich schon seit langem träume. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch, trotz grauer Wolken. Egal, verleihen sie dem Szenario gar eine melodramatische Note. Hier ist es. Zwischen Dörfern mit hässlichen Straßen und obskuren Namen. Unerwartet und hinten den Bäumen verdeckt wie ein wohlgehütetes Geheimnis. Der Ort, an dem das Herz leicht und mit Inspiration benetzt wird. Schloss Sanssouci.

In einer grauen Einöde plötzlich ein Glitzerpartikel

Was ich damit verbinde? Tja, schwer zu sagen. Barocke oder sonstige dekadent imposante Architektur interessierte, ja, ergriff mich schon immer. Vielleicht bin ich die Reinkarnation einer dieser psychopathischen Könige der ehemaligen deutschen Fürstentümer, einer dieser Träumer, der ohne Gedanken durch seinen mit Gold und teuren Stockrosen bestückten Lustgarten stolperte, Sterne zählte und Feuerwerkskörper in die Luft schießen ließ, während das Volk hungerte und der Staat rote Zahlen schrieb? Weiß nicht, jedenfalls wollte ich hier hin, es mir ansehen und durchatmen. Es war ja nur ein Katzensprung von Magdeburg nach Potsdam.

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Schloss Sanssouci, Rückansicht, April 2016

Nachdem ich mein grünes Gefährt auf dem überteuerten, touristenfrequentierten Parkplatz an der historischen Mühle abgestellt hatte und mich von den zudringlichen Offerten des amüsanten Herrn, der legendäre Rundfahrten mit seiner Kutsche durch den Schlosspark anpries, losmachen konnte, versprühte ich meine Gelassenheit an diesem Tage im Tourist-Ticket-Center. Die Mitarbeiterin war überfordert mit den sehr schlecht englisch sprechenden asiatisch anmutenden Menschen vor mir in der Schlange. Es kostete ein wenig Zeit und Geduld und ich malte mir aus ihren Job zu haben, insbesondere an Tagen, an denen ich nicht mit Gelassenheit durch meine Welt zog. Ich hätte lieber Bratwürste gebraten (ohne Kundenkontakt, versteht sich) als so viele unterschiedliche Menschen abfertigen zu müssen.

Nach dem Erwerb des Tickets habe ich eine Wartezeit von eineinhalb Stunden, die sich perfekt für einen Parkspaziergang bei fisseligen Regentröpfchen, die vom Himmel mit einer leicht demütigenden Wirkung hinabkullerten, eignet. Ich erkunde das Gelände, welches sich in einer Zwischenphase zwischen Winterschlaf und Frühlingsglück befand und  halte Ausschau nach der fiktiven Ruine, die gebaut wurde, damit der König ein bisschen italienisches Flair vor Ort hatte. Schließlich blieb ihm keine Zeit, noch Freiheit sich seiner Verpflichtungen daheim zu entledigen und Studienreisen nach Italien zu wagen, um die dortigen Kunst- und Architekturbollwerke auszukundschaften. Es musste sich den hiesigen Bedingungen angepasst werden. Wahrscheinlich auch oftmals im Fisselregen. Ja und Wein, hauptsache es gab Wein (ich erkenne mich wieder), direkt vor der eigenen Haustüre auf der Terrasse wurde das edle Tröpfchen angezüchtet. Neben dem Bibliothekenspleen auch wieder so ein sympathischer Charakterzug Friedrichs, des Großen. Ja, während der Führung erfuhr ich da allehand Details. Es wäre wohl besser gewesen, er hätte so etwas wie eine Dropbox oder eine e-Book-Sammlung gehabt. Da das Internet aber erst einige Jahrhunderte später erfunden wurde, gab es nur die Möglichkeit entweder die Bücher ständig mit auf Reise zu schleppen (da fand sich sicher ein Lakaie für zu Hofe) oder eben einfach an jedem Standort eine Bibliothek mit der gleichen Bücherauslese zu besitzen. Und nicht, dass das schon alles gewesen wäre, so war jedes Buch auch noch mit einem Ziegenledereinband versehen, das mit einer Hofgravur gekennzeichnet war. Ähnlich verhielt es sich auch mit dem Porzellan, aber die olle Kamelle kennt ihr ja vielleicht schon.

Königliche Neurosen sind wie alle anderen menschlichen Abgründe

So tigere ich durch die Schlosskirche, ein selten absurdes Bauwerk mit frühchristlichen Anleihen, ein Turm mit Kolonaden in Superposition, erneut sehr italienisch mediterraner Stil. Es fehlen nur noch die Hitze und die Sukkulentenpflanzen. Leicht spirituell aufgeladen wandele ich durch das Kirchenschiff und sehe den Menschen dabei zu, wie sie anderen Menschen dabei zusehen einige symphonische Instrumente auszupacken und spielfertig herzurichten. Nachdem ich versehentlich kurz in den Aufenthaltsraum des Pfarrers gelaufen bin, da ich hinter der Türe den Ausgang vermutet hatte, treibe ich wie eine angestoßene Seifenblase zurück in den Saal und dann sehe ich sie plötzlich. Warme, tiefe Augen, ein kurzer Blick, ein schöner Mensch in einer Gruppe von anderen schönen Menschen, alle mit einer tollen Spiegelreflexkamera um den Hals, labend nach geeigneten Fotoobjekten. Wir halten uns fest, unsere Blicke, wie zwei Strahlen, einer aus jeder Linse, gegenseitig anziehend und alles doch nur ein paar Sekunden. Hach, was ist es erfrischend mal wieder das Gefühl wahrzunehmen zu flirten (oder eine Unterart hiervon zu betreiben). Auch, wenn ich gefühlt die Mutter dieses offensichtlich sehr kreativen Jungen hätte sein können, es spielt ja keine Rolle, es geht ja doch nur um diesen Tiefgang im Blick. Ein Ring in der Unterlippe, enge schwarze Jeans, Wollmütze. Ja, Hipster, ne? Das ist, denke ich, eine andere Ära. Grinsend verlasse ich – nun doch durch die richtige Türe – die Kirche und bin wie berauscht.

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Friedenskirche, Schloss Sanssouci

In diesem Zustand döse ich die Treppen des besagten schlossnahen, noch unergrünten Weinhangs hinauf und stelle mich in aller Seelenruhe in die Schlange von Menschen, die auf den Einlass in das kleine Schlösslein wartet. Einige haben es eilig, drängeln sich vor, als gäbe es einen Anlass zu spät zu kommen. Rempelnde Spießer sind an fisselregnerischen Sonntagen und in besonderem Maße an beliebten Ausflugsorten, die weitflächig umgeben waren von Orten, in denen man möglicherweise heute – dreihundertfünfzig Jahre später – noch kein Internet hatte, leider unvermeidbar und hinzunehmen. Mir fällt es leicht, schließlich bin ich entzückt und schwebe über dem Boden.

Quintessenz meiner Schlosserkundung: Früchte und die chinesische Fauna hatten es dem König angetan. Ich bin begeistert von der Plastizität, der Realitätstreue der Wandbeschmückungen und –bemalungen. Sie in Kombination mit Szenen aus antikischen Sagen verschwimmen mit der trotz behangener Fensterfront in den Raum eindringenden Gartenpanorama.

Ausklingen lasse ich den kleinen Ausflug, indem ich die Fährte meines Spaziergangs vor der Schlossbesichtigung wieder aufnehme. Vorbei an einem erblühten Mandelbäumchen, welches neben einer weiblichen Statue auf einer kleinen Anhöhe seinen Charme verbreitet, entdecke ich zwei Studierende auf einer versteckten Bank sitzend und unterhaltend. Offensichtlich der beste Platz für Rückzug vom Unialltag und gleich um die Ecke vom Hörsaal. Oh, ich erinnere mich an die Betonmassen meiner Uni. Aber ich will mich nicht beschweren.

Und doch erscheint es mir naheliegend, weshalb Friedrich ausgerechnet diesen Ort für seine Sommerresidenz gewählt hat: Schon allein die geografische Lage der Stadt bietet sich an. Umgeben von Seen und Wäldern und sicher die rurale Aura, einiges ist bis heute überliefert, auch wenn ich aus der Ferne die Wohnraumplattentürme erblicke. Das ist Geschichte: Die Vermischung von Zeit, von Moden.

Ich blicke auf und auf dem Gehweg kommt mir eine Horde an erneut schönen, jungen und alternativ aussehenden Menschen entgegen. Einige von ihnen tragen Fotokameras um ihre Hälse. Vielleicht eine Gruppe von Fotografiestudierenden? Vielleicht die Menschen aus der Kirche? Und da finde ich ihn wieder, meinen Blickkontakt von vorhin, meine tiefgehenden Augen, mein Anziehungspunkt. Und auch er scheint mich wiederzuerkennen und so bleiben wir erneut für einige intensive Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen, aneinander, miteinander kleben. Es tut mir gut, ja.

Flirten ist wie Fahrradfahren.

Ich denke an warme Sommermonate ohne Fisselregen und garstige Drängel-Egomanen. Ich höre die Vögel zwitschern, die Fontänen plätschern, die Glocke der Kirche läuten. Es riecht nach Orangen und anderen Zitrusfrüchten. Ein gelber und ein dunkel gemusterter Schmetterling tanzen miteinander über die große Veranda. Und ich sehe keine Wolke am Himmel, nur mildes Blau. Ein Sonntag im Garten Eden – und ich habe keine Sorgen.

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Brunnenstatue, Schlosspark Sanssouci

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