LASS SIE, SIE SIND DOCH NOCH KINDER.

Süffisant schlug Rosi ihre Beine übereinander und warf kokett ihr braunes Haar hinter ihre Schultern. Das Café war voll und beim Eintritt beschlugen einem sofort die Brillengläser. Reiner hatte seine Brille direkt nach dem Überschreiten der Türschwelle ins Warme abgenommen. Sein Erfahrungswissen hatte ihn zu diesem vorbeugenden Verhalten verholfen. So richtig clever kam er sich dabei allerdings nicht vor. Auf dem Weg von der Bahn bis zum Café war ihm aufgefallen, dass sein Hosenstall offenstand. Seine Hände, die an nun zu Affenarmen mutierten Gliedmaßen angedockt waren, versanken wie zwei schwere Ziegel in seinen Manteltaschen, damit der Gehrock seinen Schritt bedeckte und niemand die Zahnreihen seines geöffneten Reißverschlusses an seiner Hose, ein goldenes Krokodil, entdecken konnte. Reiner hatte diesen wirklich sehr ästhetischen Augenblick verpasst, in dem Rosi sich wie ein Filmstar die Haare süffisant und mit erotisch aufgeladenem Geschick hinter die Schultern warf. Er hatte kurz nach Betreten der Lokalität rasch die Toilette aufgesucht, um ungestört das Maul des goldenen Krokodils zu schließen. Ein Mann, der kurz nachdem Reiner eingetreten war, mit seinem Geschäft fertig wurde, hatte sich vor dem Hinausgehen nicht die Hände gewaschen. Reiner zurrte den Hosenstall zu und wusch sich die Hände, obwohl er gar nicht gepinkelt hatte. Als er zurückkehrte, roch es überall nach frisch Gebackenem und Kaffee. Irgendwo in der Menge hatte sich Rosi niedergelassen, dachte er und sein Blick streifte durch den Raum, dessen Unübersichtlichkeit durch die zwei breiten Holzstreben in der Mitte bedingt war. Ein eingestaubter Kronleuchter im imposanten Aussehen des Raumschiffes von Kampfstern Galactica ragte von der hohen Decke, schien dem Raum jedoch jegliches Potenzial, ein richtiger Saal zu sein, zu nehmen. Sicherlich unbeabsichtigt verbreitete er diesen synthetischen Geruch von Apfel-Bergamotte, den die Handseife abgesondert hatte in der größtenteils sitzenden Menschenmenge. Platziert auf ihren Stühlen gehen sie dir alle ungefähr bis zum Schritt, spukte es ihm wie ein Flüstern durch den Kopf. Da sitzt sie doch, sagte er zu sich und ging hinüber in die verwinkelte Ecke, in der sie noch einen kleinen Tisch hineingequetscht hatten, um möglichst viele Gäste zu Speis‘ und Trank unterzubringen. Nein, es war nicht sein After-Shave , was hier so penetrant duftete, auch wenn die Damen am Nachbartisch darüber philosophisch tuschelten. Wenigstens wasche ich mir die Hände nach dem Toilettengang, dachte er und nahm Platz an Rosis Tisch. „Die haben hier sogar heißes Ginger-Ale,“ lächelte sie und er war etwas perplex, sammelte sich und checkte heimlich unter dem Tisch, ob sein Krokodil schlummerte. „Gehen wir nachher eine Runde um den Block? Ich habe das Gefühl etwas vergessen zu haben.“ Seine Reaktion auf ihren offenkundig geäußerten Bestellwunsch kam bei ihr nicht gerade gut an. „Du tust immer so geplagt, wenn Kinder in der Nähe sind. Merkst du das eigentlich gar nicht?“, fauchte sie und das Süffisante war ihr von jetzt auf gleich abhandengekommen. Dabei waren ihm die plärrenden Kinder im vorderen Bereich des mit Menschen vollgestopften Cafés gar nicht aufgefallen. Jetzt schon.

Er versuchte krampfhaft das Kinderthema vom Tisch zu räumen, welches sie, wie so oft, mehr oder weniger feierlich anschneiden wollte, in etwa so theatralisch wie das Hantieren mit einer Hochzeitstorte, und das alles ein Jahr nach dem Unfall, dem Ereignis, was beide sowohl als Paar als auch als Einzelne verändert hatte.
„Warmes Ginger-Ale ist doch bestimmt ne Erfindung der Briten, oder?“, scherzte er ablenkend und verdrängte zähneknirschend das anstrengende Geräusch, was entstanden war, nachdem er hastig mit seinem Stuhl näher an den Tisch heranrückte. Kurz erschraken auch die Damen am Nachbartisch, zuckten zusammen wie zwei Straßentauben, als sei es ein Schuss aus einer Pistole gewesen. „Die Briten trinken Tee, Reiner.“ Ausatmend sprechend und im Anschluss schnaubend schob sie die geschlossene Karte in die Mitte des kleinen runden Tisches, den sie sich beide teilten. „Du nimmst sicher einen Kaffee.“ Sie kannte Reiner gut, er hatte tatsächlich an Koffein an diesem Winternachmittag gedacht, doch er war besorgt um seinen Kreislauf, der in dieser stickigen Bude deutlich überstrapaziert war. Absurderweise ragten von draußen an den Dachrinnen spitze, lange Eiszapfen hinab. Sie glänzten im Sonnenlicht wie frisch gewetzte Säbel.
Ein schmaler Kellner unfreundlicher Natur und mit fedrigem Haar trat an den Tisch heran. „Was darf ich Ihnen denn bringen?“ „Ich nehme eine Waffel mit heißen Kirschen. Bitte vegan. Und dazu einen Orangensaft“, sagte Rosi entschlossen als hätte sie dies als Sprechtext einer Nachrichtenansage auswendig gelernt. „Und der Herr?“ Kurz hielt Reiner inne und schaute wieder hinaus auf die Zapfen, die hinter den sonnenreflektierenden Regenbogenfarben ihre eigene Farblosigkeit kaschierten. „Einen Kaffee.“ Rosi grinste. Sie hatte es gewusst, ja. Und Reiner war wieder einmal der Einfallslose. Dabei wollte er gar keinen Kaffee. Und er war der Meinung, dass sie trotzdem Flüssig-Ei mit in den Waffelteig mischten. Sie würden ja nicht extra Neuen herstellen nur, weil da so eine schicke Mittdreißigerin, die gerade etwas verspätet auf den Vegantrend aufgesprungen war, meinte, eine tierproduktfreie Waffel zu bestellen. Schließlich warben sie nicht damit, obwohl sie sich in einem Café im Prenzlauerberg befanden. „Und ich hätte gern noch etwas von der Mittagskarte, wenn das geht.“ Der Kellner rümpfte die Nase. „Unser Koch will in ner Viertelstunde Feierabend machen. Ich denke, das ist noch drin.“ Reiner nickte. „Sehr gut. Ich nehme dann das Cordon-Bleu bitte.“ „Die Salzkartöffelchen oder Pommes Frites dazu?“ Wie er „Kartöffelchen“ aussprach, da musste Reiner an die kleinen Rutschesocken denken, die seine Mutter ihnen zum Einzug geschenkt hatte. Vermutlich hatte sie gedacht, dass dies der nächste einzig sinnvolle und logische Schritt auf der Lebensleiter der beiden sein würde. Rutschesöckchen Kartöffelchen. So verspielte Wörter, verspielte Dinge für verspielte Füße. Warum verwenden sie keine ausgewachsenen Kartoffeln? „Ich nehme die Pommes.“ Rosi grinste wieder. Vielleicht stellte sie, paranoid wie sie war, eine Verbindung zwischen Kartöffelchen und Kindern her. Mindestens genauso absurd wie der Anblick der Eiszapfen dort draußen an der Dachrinne bei der Hitze hier drinnen. Nachdem der Kellner fortgegangen war, schwiegen sie beide einen Moment, als hätten sie sich von einer aufwühlenden Intervention beim Arzt zu erholen. Die Straßentauben am Nachbartisch hatten natürlich alle Bestellungen aufmerksam mitgehorcht und waren trotzdem nicht bemüht darum, aufzustehen und den Koch dazu zu animieren das Cordon-Bleu bitteschön auch kurz vor Feierabend anständig zuzubereiten. Die konnten nur labern. Wie so viele. Stattdessen lasen sie sich die philosophisch angehauchten Sprüche auf den kleinen Pappetiketten ihrer Teebeutel vor. Ist das der Glückskeks der neuen Spießer, fragte sich Reiner und blickte Rosi ins Gesicht. Waren auch wir ein Teil dieser neuen Bevölkerungsgruppe, ging es in seinem Kopf weiter. „Du, ich habe morgen einen Termin.“ Ihre Lippen glänzten von diesem nach Honig duftenden Lipgloss, den sie sich immer mit der rechten Zeigefingerkuppe auftrug. Im Winter öfters als im Sommer, weil ihre Lippen da spröde waren. Er wusste genau, welche Art von Termin sie meinte. Heute Morgen stand sie mit einem ziemlich gestressten Blick wie ein schwermütiger Eindringling vor der Dusche und klopfte an die Glaswand. Reiner drehte sich um und wischte die perlenartigen Tropfen von der Glasfläche, um ihr, wie gerade eben, ins Gesicht zu blicken. Ihr Blick, dieser Blick. Er würde ihn niemals vergessen. Was für ein Ausdruck.
„Fährt dich jemand oder soll ich?“ „Mama hat sich schon angeboten, aber natürlich würde ich es schön finden, wenn du mitkämst. Du weißt, dass es praktischer wäre, weil wir dann nochmal mit dem Arzt sprechen können.“ Reiner nickte. Er dachte an das Redaktionsmeeting, welches schon lange für morgen angekündigt war. Es sollte um den neuen Mitarbeiter gehen, der für Fanny einsprang. „Werde ich schon einrichten können. Wann ist der Termin?“ „Um zehn.“ Reiner warf einen diskreten Blick auf den Kalender seines Handys und entdeckte gleich eine weitere anstehende berufliche Verpflichtung für morgen. „Das ist machbar für mich.“ Rosi presste ihre Lippen zu einem Lächeln zusammen und zog dabei die Brauen hoch. „Es ist wichtig, dass auch du da mit einbezogen bist, das weißt du.“
Draußen hatte sich ein Eiszapfen gelöst, war wie ein Speer, bloß senkrecht, hinunter auf den Boden geschossen und in tausend Scherben zerbrochen. Reiner stellte sich für einen Augenblick vor, wie der Kampfstern-Galactica-Kronleuchter in gleicher Weise von der hohen Decke auf den darunter stehenden Tisch mit den plärrenden Kindern fallen würde. Er hätte in Ruhe sein Cordon-Bleu gegessen, während alle wie aufgescheuchte Straßentauben zu den Trümmern und Scherben gelaufen wären. Und bei dem Eiszapfen machte keiner ein solches Theater.
Der fedrighaarige, unfreundliche Kellner kam zurück und servierte Rosi die bestellte Waffel sowie die Getränke von beiden und informierte Reiner darüber, dass der Koch sich bedauerlicherweise gegen das kurzfristige Zubereiten seines Cordon-Bleus entschieden habe. Rosi setzte zum dritten Mal ihr Grinsen auf und zuckte mit den Achseln: „Tja.“ „Kann ich Ihnen denn etwas anderes Gutes tun?“, brachte der Kellner gerade so heraus, als ob er zuvor im Kellner-Knigge gelesen hätte, dass diese Frage zum guten Ton gehörte. Ein Mindestmaß an Höflichkeit, damit hier kein Malheur passiert. Die Gastronomiewelt war verdorben, war sich Reiner in diesem Augenblick wieder einmal sicher. „Wir haben auch wunderbare Kuchen in unserer Vitrine, wollen Sie mal schauen?“ Die Frauen am Nachbartisch tuschelten erneut. „Nein, danke.“ Der Kellner entschuldigte sich erneut und ging zurück hinter den Tresen irgendwo ans andere Ende des Raumes. „Ich habe mir vorgenommen, dass es das letzte Mal ist“, gab sie zu, während sich in ihren Augen eine zum Weinen zu kleine Menge an Flüssigkeit ansammelte. Aber doch genug, um traurig auszusehen. Er legte kurz und flüchtig seine Hand auf ihre, strich über ihren Rücken wie über eine Textilprobe in diesen Katalogen für Sofastoffe, wie sie einem in diesen Möbelgeschäften immer bereithielten. „Mh? Komm, das wird schon. Dieses Mal wird es gut gehen.“ Hinter seiner Aussage steckte weder Zuversicht, Enthusiasmus, noch jegliche Form von Leben. Es war ihm unmöglich seine Worte mit derartigen Emotionen zu formen, nicht nach dem, was heute Morgen wieder abgelaufen war. Ungeduldig hatte sie ihn in der Dusche heimgesucht und ihn auf das Datum, die Uhrzeit und ihre Körpertemperatur hingewiesen, während er sich einfach in Ruhe seinem morgendlichen, sehr privaten Masturbationsritual hingeben wollte, was ihn immer sehr gut in den Tag starten und entspannen ließ. Und als sie das sah, war sie dann auch noch eingeschnappt.
Wieder breitete sich andächtiges Schweigen zwischen den beiden aus, als hätten sie erneut eine ärztliche Intervention über sich ergehen lassen, die sehr schmerzlich gewesen war für beide. Nach ein paar Atemzügen hatte sie sich wieder gefasst und suchte nach einem neuen Gesprächsfaden, den sie hätten aufnehmen können um in ein anderes thematisches Gefilde geführt zu werden. „Wie geht es Fanny eigentlich, hat sie alles gut überstanden?“ So richtig gut war es ihr damit nicht gelungen, dachte er sich. Sie wollte tatsächlich über Fannys Mutterschutzstatus sprechen, in Anbetracht der Umstände? „Ja. Morgen sind die Gespräche um ihre Vertretung.“ „Ach, sag‘ bloß. Und?“ „Interessante Bewerber. Ich denke, es wird auf einen Mann hinauslaufen. Sieht Wolfgang lieber.“ Rosi leckte den letzten Rest der Kirschsoße von dem kleinen Dessertlöffel. „Sieht ihm ähnlich. Er hatte immer schon ein Problem mit Mitarbeiterinnen.“ Er wollte jetzt nicht über seinen Chef herziehen, auch wenn er allen Grund dazu gehabt hätte. „Meinst du, dass Fanny ihre Karriere an den Nagel hängt? Jetzt, wo ihr Traum wahr geworden ist?“ Reiner zuckte mit den Schultern. Fanny war sehr glücklich mit ihrem Mann. Das Kind war praktisch die „Krönung“, wie sie so schön sagte. So genau beschäftigte das Reiner allerdings nicht.
Der kleine garstige Schreihals in der Familienmeute unter dem Kampfstern Galactica hatte seinem Bruder einen Plastiktraktor auf den Kopf gehauen und jetzt gab es lautes Geplärre. „David-Jonathan, es wird hier nicht getobt, hast du verstanden?“, drang es aus dem entspannt wirkenden Vater hervor, „die Mama und der Papa finden das gar nicht gut, dass du dem Justus wehtust.“ Als gäbe es doch noch eine Verbundenheit zwischen der sozialen und der natürlichen Welt stürzte zu gleicher Zeit wiederholt ein Säbeleiszapfen zu Boden. Da draußen. Und Reiner freute sich über den Anblick. Während Rosi fast schon schwärmend und voller Sehnsucht in ihren gerade doch wieder abgeschwollenen Augen die erzieherische Szene der Prenzl-Kleinfamilie mitverfolgte, griff sich Reiner unauffällig in den Schritt, um auch nochmal auf Nummer sicher zu gehen. Der Reißverschluss schien defekt zu sein. Das Maul des Krokodils war unbemerkt schon wieder aufgesprungen. Sehen konnte man da nichts außer goldene Zähnchen, aber es war ihm sehr unangenehm. Eine der Straßentaubenfrauen hatte den Gang seiner Hand unter den Tisch in die Geschlechtsteilnähe mitbekommen und schaute ihm mit gespitzten Lippen nun pikiert ins Gesicht. Sich in aller Öffentlichkeit an die Genitalien zu packen, das sagte schon seine Mutter, sei ein Fauxpas sondergleichen. Und niemand konnte in diesem Moment ja erahnen, dass dieses Greifen nicht an seinen Schwanz, sondern an das Krokodil appelliert war. Hätte es Reiner ihr erklären sollen? Ich hab‘ das nur gemacht, weil mein Hosenstall offenstand, nicht weil ich an etwas Anderes wollte. Entschuldigung, aber glauben Sie mir bitte.
Er entschloss sich kurzerhand dazu nichts zu sagen. Schweigen war hier besser. Nachher wurde es noch unangenehmer. Er drehte seinen Kopf in eine andere Richtung, um das Stechen der spitzlippigen Mimik der Dame sich nicht anzuziehen. „Mir wäre es das ja wert“, sprach Rosi entschlossen. Beiläufig entgegnete Reiner: „Ich weiß.“ „Ich würde alles…stehen und liegen…“, Rosi stockte, blieb hängen wie eine Schallplatte und versank in einem in Gedanken (und bald darauf Tränen) getauchten Blick in die Leere, die sich vermutlich in dem kleinen Teelicht auf der Mitte des Tischs befinden musste. Reiner wollte nicht mehr und wurde unruhig. Wie bekam er jetzt seine Hose wieder zu?
Kurzerhand riefen die Spitzlippige und ihre Freundin vom Nachbartisch den fedrighaarigen Kellner zur Rechnungsübergabe zu sich, während die Kindermeute gemeinsam mit ihrem BMX-Bike-fahrenden Papa und ihrer strickenden Prenzlberg-Mama das Café verließen. Jetzt, wo es leerer wurde, wirkte der Raum plötzlich doch fast wie ein Saal, trotz Kronleuchterungeheuer und Holzstreben.
„Können wir jetzt gehen und noch eine Runde um den Block laufen?“ Sie nickte. „Was meinst du eigentlich vergessen zu haben?“, wollte sie wissen. „Ich habe keine Ahnung. Es fühlt sich an, als sei es etwas Wichtiges.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s