ONE DAY in Magdeburg.

Es ist Sonntag in Magdeburg, ein Tag, an dem man entweder gerne als Alkoholleiche seine Zeit im Bett verliegt und davon träumt, dass intravenös Vanillepudding über einen hereinbricht oder an dem man nach einer durchzechten Nacht morgens um 11 Uhr von den lebhaften Gesprächen der Menschen aus der WG-Küche geweckt wird, die sich vor  sechs Stunden sturzbetrunken – aber nicht weniger souverän und glaubwürdig – zum Brunchen verabredet hatten. Nach einem zweistündigen Aufwachritual mit allem Pipapo (in allererster Linie spreche ich hier von Kaffee) kommen die Anekdoten der letzten Nacht auf den Tisch.

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Quelle: giphy.com

By the way: Ich liebe es über Abende zu reden, die so schön waren, dass es einem so vorkam, als wäre die Zeit wie glitzernder Pulverschnee auf den warmen Handflächen zerschmolzen. Umso schöner erscheint mir das Rekonstruieren jener Geschichten, die länger als nur einen Abend gehen. Wie zum Beispiel die Geschichte von heute, Sonntag, der 28.8.2016 in Magdeburg.

Nachdem sich die bekannten Gesichter der letzten Nacht nach dem Brunch mit gefüllten Mägen wieder in ihre heimischen Kojen der Erholung begeben hatten, strafe ich mich mit dem sonntäglichen Hausputz und empfange eine E-Mail mit der Botschaft, ich hätte bei einem Online-Gewinnspiel zwei Freikarten für eine Lesung im Moritzhof gewonnen. Ich erinnere mich nur vage, dass ich hieran einst (vielleicht nach einer ähnlich durchzechten Nacht) teilgenommen hatte. Warum? Eine junge Autorin, Journalistin für renommierte Zeitungen, schreibt über die antisemitischen Erfahrungen einer jungen Frau im deutschen Hier und Jetzt. Das klang – so kann ich es im Nachhinein nur vermuten – spannend  um zum einen mehr über das Themenfeld Israel herauszubekommen und um zum anderen zu sehen, wie andere schreibende Frauen literarische Werke anlegen.

Am Himmel braut sich etwas zusammen, wir eilen mit den Rädern in den Biergarten des Moritzhofes in der Neuen Neustadt, ein offen gestanden ansonsten recht hässlicher Fleck Erde im Magdeburger Norden, um dessen Ecke ich im Studiokino vor wenigen Wochen  noch „Wiener Dog“, einen abstrusen Episodenfilm um den gemeinen Dackel, sah. Heute bin ich hier und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal etwas gewonnen hatte (mit Ausnahme des Ballonwettbewerbs im zarten Alter von acht). Man ruft die wenigen bereitwilligen Zuhörer_innen zusammen und motiviert zum Betreten des abgelegenen Raumes, in dem die Lesung stattfinden soll. Nachdem ich eine junge Frau mit einem Feminismus-im-Pott-Beutel nach ihrer Verbindung ins Ruhrgebiet befragt und meine Haare von den im Gewitterwind herunterrieselnden Pappelerzeugnissen befreit hatte, gehen N. und ich hinüber in den Lesesaal, in dem wir zwei Menschen eines sieben-Mann großen Auditoriums sein werden. Die Räumlichkeit in diesem schönen Altbau erinnert mich primär an das Wohnzimmer meiner Eltern, einem Abbild des in Katalogen vorgegebenen prosperitären Einrichtungsstils der 1990er Jahre. Weinrote und giftgrüne Hussen überdecken den Diskomfort der aufgereihten Stühle. Aber natürlich bin ich dankbar für diesen Ort, der sich im Allgemeinen der Kultur verschrieben hat, welcher Zahn der Zeit hier auch immer aufgegriffen wird. Wartend blickt die Autorin Mirna Funk, die sich auf einer kleinen Erhebung vorne zum Lesen bereit gemacht hat, in unsere überschaubaren, neugierigen Augen.

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Quelle: giphy.com

Es ist Sonntag, es sind gefühlte 50 Grad, die Welt geht draußen unter und es wundert niemanden*, dass der Raum fast leer bleiben wird. Umso besser, meine ich. Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Magdeburg führt mit mehr oder weniger ausgeprägten moderatorischen Fähigkeiten durch die Lesung. Nach einer richtungsweisenden Einleitung kann Mirna Funk endlich aus ihrem Roman vorlesen, den – so wird betont – nur der Moderator und offensichtlich sonst keine*r im Raum gelesen habe. Blendet man die fragwürdig strukturierte Moderation aus, kann man sich als unbefangene_r Zuhörer_in ebenfalls ungebrieft auf Mirnas Vortrag einlassen. Winternähe heißt ihr Debütroman, der im Sommer 2015 erschienen ist und Mirna Funk strukturiert die Lesung, indem sie ihren Roman in drei thematische Parts, die an drei unterschiedlichen Orten spielen, gliedert. Berlin, Tel Aviv, Bangkok. Es geht um eine junge Jüdin namens Lola, um heutige Formen des Antisemitismus. Ich erahne, ohne dass ich das Buch gelesen habe, thematische Anknüpfungen zu weiteren Feldern von Diskriminierung und Gewalt oder, wie resümiert wird, Formen sozialer Angst, die sich beispielsweise in Sexismus, Rassismus oder Xenophobie widerspiegeln. Durch Mirnas Lesen erahnen wir darüber hinaus ihre Romanfigur(en), malen Umrisse, wie ein Leben als Jüdin in Deutschland heute sein kann und wie subtil sich – im weitesten Sinne – menschenfeindliche Haltungen milieuübergreifend ausdrücken. Wir lernen zu verstehen. Fakt ist, es gibt ihn immer noch, den Antisemitismus. Und Mirna zeichnet die lebensweltliche Bewältigungsstrategie einer jungen Frau, die ebendiesen erlebt, nach. Sie versucht der_m Leser_in ein Gefühl zu geben, wie es ist, mit der Angst des Terrors, mit dem Hereinbrechen des Krieges in den sicheren Alltag, zu leben und ich denke an den Abend des Attentates im Münchener Einkaufzentrum vor einigen Wochen. Ich saß auf der Couch von Verwandten in Heilbronn, las bei Twitter die neusten Meldungen, ein Ausnahmezustand, ich sah meine Freiheit schwinden. Draußen fegte, ähnlich wie heute, der gewittrige Wind durch die Straßen und die Welt schien unterzugehen.

„Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun.“ J. W. v. Goethe

Ich frage Mirna, ob sie politische Bücher schreibt. Sie sagt, Kunst habe in ihrem Selbstverständnis immer einen politischen Impetus. Und doch ist Winternähe ein Roman und kein Sachbuch. Ich vermute, es geht ihr um das Menschliche, das Emotionale; eben die Ebene, die ein Sachbuch ausblenden würde. Als schreibende Frau inspiriert mich ihre Haltung. Autobiografische Aspekte fließen in ihre Figuren zwar ein, aber es sind und bleiben eben doch nur Romanfiguren. Mirna hat sich bewusst für die Erzählperspektive entschieden. Eine Ich-Erzählerin hätte – dem politischen Impetus gegenspielend – zu viel an Subjektivität erzeugt. Wie ich Mirna verstehe, sind es zudem nicht nur persönliche Erfahrungen, die sie mit dem Schreiben verarbeitet, sondern sie möchte eine intersubjektive Ebene erzeugen, in der die Besonderheit einer jüdischen Lebensweise in der heutigen Zeit eingefangen wird. Nach der Lesung weiß N., dass wir das Buch kaufen würden. Finde ich gut. Der Sinn einer Lesung geht vollends auf.

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Der Wiener Dog, Quelle: giphy.com

Wir fahren später vor dem Regen davon, zurück ins Zentrum und ich finde heraus, dass man die Gänge an meinem alternden Fahrrad verstellen kann. Das Radfahren ist plötzlich so einfach und ich fühle mich frei, auch wenn das Wetter suggeriert, dass jeden Moment etwas passieren könnte, was uns in unserer Freiheit einschränken würde.

In der Bar trinken wir noch eine Weißweinschorle. Es ist potenziert schwül an diesem Sonntagabend, der sich wie ein Donnerstag anfühlt und um die Zeit gucken eigentlich alle Tatort. Deutsche Lebensweise und so. Drinnen sitzt eine Frau, trinkt alleine, blickt hinunter auf ihren Tisch. Vielleicht ist es die Schwüle, vielleicht ist aber auch etwas geschehen in ihrem Leben, was sie traurig macht. Ich glaube zumindest, dass sie traurig ist. Wenig später müssen wir sie nach Hause bringen, da sie nicht mehr ohne Hilfe gehen kann. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung, die nicht weit entfernt ist, stellen wir uns ihr mit unseren Vornamen vor. Vielleicht möchten wir ihr dadurch ein Gefühl von Nähe geben, die sie offensichtlich lange nicht mehr mit Menschen hatte. Denn sie nennt uns in Zuge dessen nur ihren Nachnamen. Ich frage mich, ob sie ihren Vornamen vielleicht vergessen hat, weil sie seit langem nicht mehr danach gefragt wurde. In den zehn Minuten des Nachhausewegs weint sie manchmal und ihre Haut ist warm. Wir sind nett zu ihr, N. findet wertschätzende Worte. Das ist alles gut. Sie heißt *Maria, verrät sie uns nach einer Weile. Wir schauen uns in die Augen und sie lächelt. Maria schämt sich, dass sie seit Tagen nicht duschen war. Vor ihrer Haustür sagt sie, sie habe keinen Haustürschlüssel und wir wissen nicht genau, was zu tun ist. Ihr Nachname ist nicht auf den Klingelschildern zu finden. Ich rufe eine Frauenberatungsstelle an, spreche mit einer freundlichen Frau, die mir mitteilt, dass eine Übernachtung im Frauenhaus nur ohne Alkohol im Blut in Frage käme. N. ruft die Polizei. Sie sagen, wir sollen 112 anrufen.

Der Sanitäter leuchtet mit seiner Taschenlampe in ihre Augen und entdeckt die Fraktur an ihrer Stirn. Dann fragt er nach ihrem Ausweis. Maria versucht mit ihren Händen, die steif wie Prothesen wirken, in ihrer Tasche ihr Portemonnaie zu finden. Ich sage ihr, sie könne sich erst einmal in aller Ruhe ausschlafen und morgen würde alles wieder ganz anders aussehen. Ich glaube, sie findet mich und das, was ich sage nett, aber sie glaubt nicht daran. Die Männer kümmern sich um Maria. N. und ich gehen zurück, immer noch ist es schwül, immer noch habe ich und N. möglicherweise auch das Gefühl, der Regen könnte jederzeit über uns hereinbrechen und wir wären nicht mehr frei. In der Bar trinken wir unsere angenippte Weinschorle weiter und ich glaube zu wissen, wie N. sich fühlt. Ich denke an Mirna Funks Motiv des Schreibens. Diskurse erzeugen, zivilgesellschaftliche Verantwortung anregen. Maria hat sich bei uns mehrere Male bedankt. Die Sanitäter und der Polizist am Telefon ebenfalls. Was ist hier los?

Eine Kultur der verbal inkontinenten Gutmenschen.

Im Leben gibt es so oft Zeitpunkte, an denen sich Privates mit politischen, gesellschaftlichen Themen überschneidet. Man findet sich oft in einer Situation wieder, in der man seine moralischen Überzeugungen in praktische Taten umsetzen kann. Ob man es dann tut, ist die Frage. Darin ist man frei. Möglicherweise sitzt Maria heute zwei Straßen weiter in ihrer chaotischen Küche und trinkt Wodka. Möglicherweise ist sie auch nächsten Sonntag wieder in der Bar, wenn die Mitarbeitenden sie dulden. Irgendetwas ist ihr widerfahren, dass aus ihrem Leben dieses eine Leben geworden ist. Und ich sitze hier und fühle mich inspiriert über Mirna Funks Anliegen der diskursiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen.

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Sean Penn in Tree of Life, Quelle: giphy.com

 

Wir sitzen draußen mit den anderen und sprechen über München, über Maria, über verschiedene Energiechakren, über Engstirnigkeit im Alter, über tragische Personen, darüber, was Sucht und was Angst vor Terror mit einem Menschen machen können. Die junge Frau, die heute Nachmittag im Biergarten des Moritzhofes davon erzählt hat wie sie im Thüringer Wald zu Gold gekommen ist, ist auch da. Ein Mann am Nachbartisch erzählt, er wäre seit kurzem verlobt und würde nächstes Jahr heiraten.  Auch D. ist dazu gekommen und nachdem ich ihr von Maria erzählt habe, sagt sie, ich solle es nicht zu nah an mich ran lassen. Sie kennt meine Geschichte. Das alles ist ein sehr sozialer Moment hier und die Menschen sind frei und offen und warm an diesem schwülen Sonntagabend. Drei Stunden später liege ich im Bett und merke, dass ich berührt bin. Ein Gefühl. Sam Mendes hat dieses Moment in American Beauty mit dieser lächerlichen fliegenden und weltberühmten Plastiktüte und Terrence Malick vielleicht mit pathetischen Nahaufnahmen von Sean Penns Nüstern eingefangen, für mich ist es ein nicht bebilderbares Gefühl von Traurigkeit, Angst, Ehrfurcht, Sehnsucht und Liebe.

 

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