Gefährten.

WALDMUSIK.

  • Eine meiner allerliebsten Lieblingsmenschinnen und die wunderbarste Sängerin Tina mit ihrer Band soulrender.
  • Der famose Frère aus meiner alten Heimat Bochum.
  • Als Musiker*in kennt man das schon nach ein paar Tagen in Magdeburg: Wohnzimmerkonzerte.

BLOGGENDE WALDBEWOHNER*INNEN.

POP, KUNST und STYLE im Wald.

  • Kunst aus Bremen von Werner – zum Nachdenken und Schmunzeln.
  • Ein paar bunte Kreativ-Wesen für den Alltag im wilden Osten: Wesensart.
  • Das wird aus Schulkameradinnen: Styling by Stefanie Schmidt.
  • Und noch eine kreative Schulkameradin: Die Designerin Nadine Magner.
  • Hat einen Blick fürs ästhetisch Wesentliche: Photobob Matthias Sasse.
  • Kurse für Kind und Kegel in einem zauberschönen Gründerzeitbau: mein Kurs Magdeburg.

GEHEIME ORTE.

  • Liebe geht durch den Magen und kommt von Herzen: Endlich gibt es das Botanica Speiselokal von unseren Freunden Madame Lulu.
  • Hier gibt’s guten Tee, Kaffee und andere Schätzchen. Alles in Miniatur: Neuzeit.
  • An lauen Sommerabenden gemütlich: Die Milchkuranstalt gleich beim Dom.
  • Für einen schönen Sommerabend in Magdeburg: Die Datsche.
  • Ein Kulturort – zu jeder Jahreszeit in Magdeburg: Moritzhof.
  • Endlich ein fähiger Haarmensch: Ypsilon Hairstlye.
  • Die Kneipe mit DDR-Charme und Blues: Das Jakelwood.
  • Richtig gute Abende in der Kunstkantine.
  • Eine tolle Konferenz für Blogger*innen aus Sachsen-Anhalt.
  • Ein Ort, an dem Kultur zu Hause ist: Das Forum Gestaltung in Magdeburg.
  • Wenn man mal Alternativen braucht und einen großen Aperol Spritz: Das Kartell.
  • Ich will mal wieder ins Studiokino.
  • Freundliche Menschen mit Empowerment-Potenzial: Sofi-P in MD.

IN DER STEINZEIT GAB’S KEIN PATRIARCHAT.

 Eine ordentliche Anzahl an Menschen (das weibliche Geschlecht ist deutlich in der Überzahl) ist am 9.4.2016 um 18:30 Uhr in dem kleinen Veranstaltungsraum der Universitätsbibliothek in Magdeburg zusammengekommen, um dabei zu sein, wie Anke Domscheit-Berg aus ihrem neusten Buch „Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“ vorliest. Mir scheint, es wäre die gesamte feministische Szene Magdeburgs zusammengekommen, aber das ist nur so ein Eindruck. Jedenfalls ist der Raum proppevoll, es wird vorab viel geplaudert und nach einer langen, informationsintensiven und lobpreisenden moderierenden Einführungslaudation der Leiterin des Frauenzentrums Courage im Volksbad Buckau zur Lesung von Anke Domscheit-Berg, führt die dann doch recht sterblich wirkende Autorin ein in den Abend.

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Anke Domscheit-Bergs neues Buch, erschienen im Heyne-Verlag

 

 

Mit Anfang zwanzig wisse man nichts von der harten Realität, diese Beobachtung macht Anke Domscheit-Berg immer wieder bei den meisten jungen Managerinnen, die sie als Coacherin in der Wirtschaftsbranche betreut.  Man werde ins Haifischbecken geschubst und müsse sich da wie Rambo selber durchschlagen. Deshalb ist es wichtig, junge Frauen zu sensibilisieren und vorzubereiten auf subtilen und weniger subtilen Alltagssexismus, der ihnen früher oder später durch Kolleg*innen und Branchenakteur*innen zuteilwird. Domscheit-Berg geht es um Empowerment, das vertritt sie deutlich in ihrer Lesung.

Wenn ich mal groß bin, werde ich Rambo.

Schnell geraten durch ihr authentisches Auftreten die Anleihen des durch die Anfangsmoderation durchgedrungenen konservativen Feminismus in den Hintergrund und mit Blick auf das Anliegen, welches Domscheit-Berg mit ihrem Buch verfolgt, ist man gespannt auf die zeitgemäßen Inhalte, die einem nun geboten werden. Sie strukturiert die Lesung, indem sie einen ähnlichen Ordnungszusammenhang schafft wie in ihrem Buch: Zuerst erklärt sie ihre Vorgehensweise mit evidenzbasierten Fakten/Deskription von Ist-Zuständen, um im Anschluss überzugehen in eine Reflexionsphase in Form einer Diskussionsrunde. So dienen ihr für ihre Argumentationsfenster, die sie in ihrem Buch eröffnet und in der Lesung vorstellt, stets erst einmal statistische Daten über Ungleichheitsphänomene in unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft als Fundament, um anschließend daran die Aktualität von Feminismus zu verdeutlichen und schließlich Handlungsstrategien zu entwickeln.

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Anke Domscheit-Berg, cc by Julia Tham

 

Dabei lässt sie kein Feld aus: Von der Wirtschaft geht sie über zu Politik, zu den Medien und der Wissenschaft, ja gar der Kulturbranche, die gleichberechtigungsdefizitären Strukturen in allen Bereichen dieser Gesellschaft werden veranschaulicht und teilweise gleich mit einer direkten Kritik versehen. Sexismus eigne sich nach wie vor oder jetzt erst recht als Wirtschaftsmotor, nach dem Frauenkörper einer Objektifizierung mit folgenschweren Ausmaßen unterzogen werden. Domscheit-Berg erinnert nur an die soziale Irritation, die durch den Tausch der Rollen zwischen den beiden Geschlechtern ausgelöst werde, wie es in einem Fernsehbeitrag über geschlechterstereotypisierende Werbespots exemplarisch dargelegt wurde. Und auch, dass das Frauenkörpernormativ einen nicht geringen Einfluss auf bestimmte psychische Krankheitsbilder wie Essstörungen habe, ist auch keine Mär‘. Schon das Aussehen der Barbiepuppen habe eine fundamentale Wirkung auf die Schönheitsideale junger Mädchen und erzeuge einen subtilen Zwang zu Schönheit, vor dem die Jungen zumindest weitestgehend gefeit seien. Letzterer Annahme muss ich – denkend an Prototypen wie Wolverine, dem A-Team und Hulk, alles tollkühne, aggressionsgeile Kandidaten bestehend aus Muskelbergen – widersprechen. Die mediale „heteronormative Verhaltenslenkung“ betrifft beide Geschlechter bereits in der Kindheit und ist wiederum ein Hinweis auf die soziale Konstruktion des Geschlechtes. Auch finde ich Figuren, die den Mädchen als Idole  dienen, die dieser Norm widersprechen. So denke ich an Xena, die tapfere und männlich attribuiert handelnde Kriegerprinzessin, an Pipi Langstrumpf, an die rote Zora, an Momo oder Clarissa, um nur einige Beispiele von Idolen mit nicht eindeutig weiblich attribuierten Eigenschaften zu nennen, aber Ausnahmen sind ja bekanntlich der Anlage einer Regel immanent.

Xena gegen den Rest der Welt

Domscheit-Berg schaut auch genauer bei den Frauen in der Film- und Theaterbranche hin, wo sich seit der Antike wahrlich ein Trauerspiel nachzeichnen lässt, so verkümmert sind hier die Gleichberechtigungsentwicklungen. Ein leises Raunen geht durch den Saal in dem Moment, indem Domscheit-Berg verkündet, dass trotz Bürger- und Staatsinvestitionen und des gesellschaftlichen Auftrags der öffentlich Rechtlichen, Frauen, die Regie bei einem Tatort führten, nahezu an einer Hand abgezählt werden könnten. Tja, Leute, das ist die Realität und nur, weil man selber bis heute nicht direkt von diesem Missstand betroffen war, heißt es noch lange nicht, dass es mit einer Quoteneinführung getan ist, schließlich handelt es sich hier um verkrustete Strukturen, jahrhundertelang gewachsene oder qua Gründung bestehende Gerüste. Wie die jungen Managerinnen, von denen Domscheit-Berg zu Anfang sprach, so auch alle anderen, ob nun Frauen oder andere Menschen*, sollten den Anspruch der Gleichberechtigung als demokratische Bürgerschaft offensiv nach außen tragen und gemeinschaftlich daran arbeiten, Bestehendes weiterzuentwickeln, um zu wachsen. Um von einer einseitigen und konservativen feministischen Sichtweise abzukommen und nicht dem üblichen und seit den 68ern tradierten Feminismus-Schublädchen zum Opfer zu fallen, greift Domscheit-Berg die Stigmatisierung des männlichen Geschlechts auf, um auch hier Veränderungen voranzutreiben. Aussagen wie „Das Männerego steht Frauen einfach im Weg“ stützen nicht nur eine Legitimierung ungleicher Behandlung zulasten von Frauen in bestimmten Berufsfeldern, mit ihnen werden im gleichen Atemzug darüber hinaus Männer verurteilt, die sich gegen eine strikte Karrierelaufbahn und für den Erzieher- oder Pflegeberuf oder die Elternzeit entscheiden. Den Annahmen gemäß wirken Frauen, die dem Männerideal des beruflich erfolgreichen Machers und Ernährers entsprächen, als Attraktivitätskiller und müssten sich nicht wundern ihr jahrelanges Dasein als Single zu fristen. Sie seien also selber Schuld an ihrem Schicksal als Singlefrau über 40. Letzter Punkt für Domscheit-Berg eine viel zu leicht gedachte und somit eindimensionale Erklärungslogik für die heutige Beziehungskultur.

Xena TV-Staffel 1-5 (Intro / Trailer german)

Serie Xena (1995-2001)

 

Meine Frage, die leider ungestellt und undiskutiert bleibt, ist an dieser Stelle, ob man heutzutage nicht von einem neuen Trend der geschlechterübergreifenden und daher möglicherweise auch von geschlechterlosen Konkurrenzrealitäten sprechen kann, beruflich, aber auch mit Blick auf die Konzeption des Selbst als Lebensprojekt im Spiegel einer Leistungsgesellschaft. Trotz aktueller feministischer Trends fehle es insgesamt doch an „vielfältigen Rollenbildern“, die heutige Lebensumstände integrieren, so Domscheit-Berg.

Studieren, reproduzieren, kooperieren.

Für die Wirtschaft sieht sie in einem intelligenten diversitysensiblen Recruiting wahre Potenziale für die Zukunft und spricht das Verfahren der anonymen Bewerbung als praktikablen Lösungsbaustein für mehr Gleichberechtigung an, das mitunter auch so seine Tücken birgt. Auch erscheint ihr der volkswirtschaftliche Ansatz der kooperativen Arbeitsteilung mit Aufhebung typischer Arbeitsbereiche als zukunftsträchtig. Statt dass Familienarbeit weiterhin als Frauensache und Erwerbsarbeit als Feld, das Männer zu beackern hätten, betrachtet  werden, wäre eine sinnvolle Aufteilung nach Effizienz und der jeweiligen Ressourcenverfügbarkeit – möglicherweise gar außerhalb intergenerationaler Familienkonstellationen – sinnvoller. Das ist ein ganz logischer Schluss, zu dem sie den Abend führt und wirkt in Anbetracht ihres Auftretens nur authentisch und glaubwürdig. Domscheit-Berg appelliert an uns als Bürger*innen. Sie fordert uns auf Rückgrat zu beweisen, uns zur Wehr zu setzen und die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung als Immunstärkung zu sehen und wahrzunehmen. All diese Auseinandersetzungen sind jedoch trotz sozialkritischer Positionierung aufgeblendet auf einen kapitalistischen Horizont, innerhalb dessen Radius sich Domscheit-Berg einmal mehr ein- (und bewusst nicht unter-) ordnet. Denn sie selber ist als Unternehmerin und Publizistin tätig, hantiert daher mithilfe des kapitalistischen Instrumentariums und verfehlt dabei zumindest in ihrer Selbstpräsentation auf der Lesung die Chance auf eine Diskussionskultur über den Systemtellerrand hinaus. Doch gerade diese Perspektive wäre beispielsweise aus der von ihr thematisierten Rolle als Elternteil – auch im Kontext ihrer beruflichen Ausrichtung – durchaus möglich gewesen. Sich dem System zu fügen und seine eigene (ökonomische) Nische in ihm zu finden, ist keineswegs ein Verbrechen, denn das machen sicherlich ein Gros aller kritisch reflektierenden Menschen und ich möchte mich nicht dieser nervigen Verurteilungspraxis oft linker Zeitgenoss*innen anschließen, da ich häufig selber Zielscheibe der Vertreter*innen jener Zuschreibungen bin (Anm.: Ihre kapitalismuskritische Einstellung hätte die Autorin deutlicher an diesem Abend anbringen können). Naheliegend ist trotzdem die Frage, ob wir jetzt alle unser eigenes Unternehmen gründen müssen, um als Frau in diesem Haifischbecken Welt zu überleben?

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Quelle: giphy.com

 

 

Domscheit-Berg ist keine Heuchlerin, aber sie ist auch keine Philosophin.  Ihre Thesen sind anwendungsorientiert und nicht das Werk einer verkopften Zeitgenossin. Vorbildlich ist ihr vielseitiges ehrenamtliches Engagement in puncto Gleichberechtigung, welches eindeutig über eine berufliche Verwertbarkeit in Rückkopplung zur eigenen Karriereleiter hinausgeht. Und an diesem Punkt hat sie mich: Sie fängt mich ein mit ihrer nüchtern realitätsnahen Art und beeindruckt mich nebenbei noch nachhaltig, indem sie den männlichen Blick der Paläontologie als neue Wissenschaft des 18. Jahrhunderts reflektiert. Sicher für viele keine Neuheit, aber für mich davor ein blinder Fleck und daher ein interessanter Link, da hier deutliche Parallelen zur Medizin auszumachen sind. Von Wegen Männer als Jäger und Frauen als Sammlerinnen, klare Arbeitsteilung nach Geschlechtern.

War Sisyphos ein Mann?

Ich vertrete vieles von dem, was sie anspricht und alleine das Ansprechen des oft strukturell Nichtausgesprochenem  ist es wert ihr Buch zu lesen. Jedoch geht es mir persönlich nicht weit genug auf sprachlicher und perspektivischer Ebene. So eignet sich das Buch allem voran doch für eine aufgeschlossene Mainstreamleserschaft, die sich gerne, aber bitte gediegen friedlich und klug mit dem Thema Geschlechtergleichheit auseinandersetzen will und unter dem Begriff Feminismus sicherlich auch noch eine konservative Vorstellung vertritt. Auch ist das Buch sicher keine nährende Lesefrucht für Menschen*, die sich bereits (wissenschaftlich) in die Tiefe begeben haben und nicht bloß die Ungleichbehandlung von Frauen, sondern auch von anderen Minderheiten und darüber hinaus das dichotome Geschlechtermodell als soziale Konstruktion verstehend in Frage stellen.

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Serie Clarissa (1991-1994), Quelle: giphy.com

 

Der Kapitalismus benötigt Abgrenzungskategorien, um Fortschrittmotivatoren zu kreieren und uns dahin zu lenken am Ball zu bleiben. Deshalb werden in so einem System auch Überlegungen zum Thema Gleichberechtigung nicht nur mit Blick auf das Geschlecht, sondern auch auf andere Determinanten eine Sisyphusarbeit, die wir wohl aufgrund der Tatsache fehlender funktionstüchtiger Alternativen des Wirtschaftens und Zusammenlebens unser Leben lang zu leisten haben. Konkludierend hierzu erscheinen mir unsere steinzeitlichen Vorfahren plötzlich so fortschrittlich, dass ich mich für die Entwicklung der letzten Jahrtausende mit besonderem Fokus auf die letzten dreihundert Jahre fast schäme. Es nutzt ja alles nichts. Sei ein Rambo, oder sei ein Einhorn, das ist die Devise.

POPULÄRFEMINISMUS AUCH FÜR MAGDEBURG.

Eine sozialistische Feminist*in mit aktivistischen Ambitionen und einem Hang zu Popmusik, vielleicht würde so die Selbstbeschreibung Laurie Pennys klingen?!

Angeregt sitze ich an einem Montagabend im März 2016 im Publikum eines Hörsaals der Otto-von-Guericke-Universität, lausche den Worten der 29jährigen britischen Feministin (sie ist genauso alt wie ich und ist Autorin mehrerer Bücher, soviel zu „Karriere“ und erfolgreichem Leben) und  habe vor allem im Zuge ihres Outings mit ihrer Vorliebe für Beyoncé das Gefühl, dass zumindest der letzte Teil des Satzes definitiv von ihr stammen könnte, obwohl ich nach ihrem Vortrag wohl auch den ersten Teil des Satzes ihrer Handschrift zugeordnet hätte. Es bleibt meine eigene, zugegeben, ketzerische Beschreibung ihrer Person.

Und doch verfehle ich die Realität hiermit nur um ein Haar: So gibt sie gleich zu  Beginn ihre Neigung zum Sozialismus zu erkennen und berichtet später von ihrer aktiven Zeit mittendrin im aufgeploppten Aufstand der Occupy-Bewegung, wo sie offenkundig viel über die Realität von aktionistischem Veränderungsengagement in Ökonomie und Gesellschaft und dessen Absurditäten und Widersprüchlichkeiten gelernt hat.

Doch trotz aktueller Dystopie-Prognosen lässt es sie nicht los, sich an der Gestaltung einer guten Gesellschaft zu beteiligen. In ihrem Werk „Unsagbare Dinge“ (in Deutschland 2015 im Nautilus-Verlag erschienen), über welches sie kurz spricht, schildert sie anhand eigener biografischer Stationen ihren persönlichen Weg zum „intersectional feminism“, einem Feminismus, der nicht nur die Situation benachteiligter Frauen, sondern auch die anderer Minoritäten, die aufgrund einer oder mehrerer zeitgleich auftretender, der gängigen gesellschaftlichen Norm widersprechender Eigenschaften  von Ausgrenzung bedroht oder betroffen sind.

BÄM schreit mein nerdiges Herz und wünscht sich eine Zeitmaschine, um das bereits fünfzehn Jahre früher zu lesen.

Sie sei selber ein Nerd, wie sie erzählt, und distanziert sich von dem Popstar-Image, dem viele andere feministische Aktivistinnen in Folge von verheißungsvollem Ruhm erliegen und ihre einst von Herzen aus gesteuerte idealistische Leidenschaft in einer Zusammenstellung eines programmatischen nächsten Buches über den Hipster-Kuschel-Feminismus mündet und somit schlussendlich einer kapitalistischen Vermarktungsstrategie zum Opfer fällt. Laurie ist tatsächlich der Meinung, dass sie nach wie vor dieser Nerd* aus Teenagerzeiten sei, insbesondere in den Momenten, in denen sie feststellt, wie sehr ihr Lebensstil dem heutigen Idealbild der erfolgreichen, karriereorientierten, glücklich vergebenen Mehrlingsmutti widerspricht. Stattdessen macht sie sich Gedanken darüber, was ihr Tinderdate sagen müsse, um bei ihr ins Schwarze zu treffen. Dies schaffe er mit Zuhören und einem gesunden Umgang mit Emotionalität. Denn während Frauen in der Öffentlichkeit heutzutage weitestgehend sowohl männlich als auch weiblich attribuierte Verhaltensweisen annehmen können, sei der Mann noch weit entfernt von seiner Emanzipation als empfindsames Wesen und würde insbesondere im Jugendalter hierunter häufig stark leiden.

Ich erinnere mich an sämtliche Onkel und andere männliche Verwandte, die bei der Beerdigung meiner Oma keine Träne verdrückten und auch an meinen Papa, der sehr an unserer Familienhündin Bessy hing, doch dennoch keine Miene verzog, als wir ihren in ein Betttuch gewickelten Leichnam bedächtig und behutsam hinab in ein selbstgebuddeltes Loch im Garten sinken ließen.

Männer dürfen weinen und Frauen chillen.

Laurie, der weibliche Nerd* unserer Generation, eine waschechte Netzwerkfeministin, die mich an den MTV-Seriencharakter Daria und ihre misantrophe Freundin erinnert, findet es legitim, nicht alles auf einmal zu wollen, auch oder gerade als Frau. Sie plädiert dazu, wegzukommen von tradierten und festgezurrten Vorstellungen typischer „Frauenarbeit“, womit sie im weitesten Sinne die (emotionale) Arbeit in und um die Familie meint. Zwar hätte die jahrhundertelange Tätigkeit in diesem Bereich auch die emotionale Emanzipation der Frau befördert, sie jedoch auch auf sozialer Ebene mit Blick auf relevante Machtpositionen im Sozialgefüge ins gesellschaftliche Aus degradiert.

Perfect Sense | Deutscher Trailer HD

Szene aus „Perfect Sense“ (2011), Regie: David Mackenzie

Und nun redet sie über die Utopie der Liebe, dem Ideal der perfekten Partnerschaft, in der immer alles interessant, inspirierend und vitalisierend ist und auf ewiglich bleibt und selten bis keine Konflikte auftreten. Sie differenziert hierbei zwischen dem männlichen und dem weiblichen Liebesideal. So ist für Männer Liebe der mit viel Aufwand errungene Preis am Ende einer beschwerlichen Geschichte, während für Frauen Liebe die gesamte Geschichte des Lebens ausmacht. Während sich bei Erstgenanntem der Wettbewerbsgedanke, den Männer schon früh in ihr Verhaltensrepertoire internalisiert haben, in Aktion zeigt, so entfaltet sich bei letztgenanntem Szenario eine Idee von Romantik, die im Zeitalter von Tinder und Co. niemals mit der Realität vereinbar ist. Einen Hoffnungsschimmer sieht Laurie an diesem düsteren Horizont, beobachte sie immer mal wieder Verschiebungen und Modifikationen bei den Lebensstilen exemplarisch an  Freund*innen und Bekannten*. Und während sie sich lebhaft über die Abgründe der heutigen Beziehungskultur unserer Gesellschaft auslässt, hat das Publikum die Chance individualisierte Fragen auf Zettel zusammenzutragen, die währenddessen eingesammelt werden.

Daria - On Smiling

Daria (1997-2002), MTV-Serie

Mir fiel es nicht schwer Fragen zu formulieren, denn zum einen erinnerte mich ihre Argumentation an die Werke Eva Illouz‘ und die von ihr vertretenen Positionen in Bezug auf Liebe in Zeiten des Kapitalismus. Da möchte ich auch mal Lauries Meinung zu erfahren. Sie kann meine Frage, die als erstes verlesen wird, nicht beantworten aufgrund des peinlichen Umstandes Eva Illouz nicht zu kennen. Ich bin enttäuscht.

Eva? Wer ist eigentlich Eva?

Zum anderen stößt mir neben diesem Fauxpas, für den sie natürlich nichts kann, nach wie vor das Festhalten an ihrem Außenseiter-Image sauer auf, nicht bloß, weil ich selber weiß, wie es ist ein absoluter Vollloser in der Schule zu sein und nun – im Erwachsenalter – als normale Erdenbürgerin gesellschaftlich akzeptiert und angenommen zu werden, sondern auch oder gerade weil sie deshalb nicht mehr dieses Nerd-Mädchen von einst sein kann, denn Nerdmädchen sind weder erfolgreich, noch beliebt und bekommen erst recht keinen Idolcharakter zugeschrieben. Man weiß vielleicht gerade so, wie sie in etwa aussehen und was genau an ihnen scheiße aussieht, sodass man um sie herum die Alltagsbelustigung des Mainstreams – im Kontext eines Klassenverbandes oder einer Volleyballmannschaft – aufbauen kann.

Laurie ist vielleicht keine Hipstertussi getarnt in feministischem Schafspelz, aber sie ist auch keine moralische Idealistin, die sich bis aufs Blut für ihre Überzeugungen einsetzt, sonst würde sie wohl kaum auf eine Lesetournee quer durch Europa gehen, um den Verkauf ihrer Bücher zu befeuern.

Was in Anbetracht dessen recht bodenständig erscheint, ist die von ihr geäußerte Tatsache, dass der in ihren Augen perfekte Beziehungspartner lediglich zuhören können müsse. Anwendungsbezogen offenbart sie Verhaltenstipps für alle „male-feminists“ von heute, versteht das Internet als Erprobungsraum für ein Spiel mit der Geschlechteridentität und rät allen Anwesenden zum Auskundschaften alternativer Beziehungsmodelle, wie das der Polyamorie.

Im Grunde ist ihr Erscheinen, ihr Auftritt, so konzipiert er auch sein mag, eine Chance für alle schüchternen Mädchen und Jungen da draußen, die noch keine Vorstellung davon haben, was Feminismus ist und was Feminismus sein kann. Ihre Worte empowern die Mädels und Jungen, sie lehren sie und uns auf uns selber Acht zu geben, Wissen sowie Energie als politische Waffen („political weapons“) einzusetzen und Veränderungsdynamiken zugunsten einer gleichberechtigten und solidarischen Gemeinschaft voranzutreiben. Schon alleine aus dieser Perspektive heraus kann und sollte man den jüngst aufkeimenden antisemitischen Gerüchten zum Trotz Laurie Pennys streckenweise pubertär rebellisch wirkende Agitation wahr und ernst nehmen und – so die Quintessenz meines Besuches des kurzweiligen Bühnengespräches –  diese  für die eigene feministische Positionierung konstruktiv verwerten. Selbstverständlich nicht in einem kapitalistischen Sinne, sondern vielmehr rückbesinnend auf die grundlegende Zielsetzung von Sozialkritik: Die Welt zu einem besseren Ort zu machen, oder, wie Laurie sagen würde, unter dem Credo: „Create a good society“.

HALLO, ICH BIN DIE NEUE AUSM POTT.

Schon ganz vergessen, wie es ist irgendwo neu zu sein. Alles steht auf Anfang, keine Beziehungsverstrickungen sind erkennbar, ich bin rein und unbenutzt in meinem sozialen Dasein und ich passe hier auch erstmal nicht hin. Bin wie ein Fremdkörper, ein Lavastein zwischen Sandkörnern, und ich falle auf, ja, weil ich nicht in das Stadtbild passe. Die Neue. Die, die man nicht zuordnen kann, wenn sie einem auffällt. Die, die plötzlich einfach so da war, von heut‘ auf morgen.

Snow White - A Smile and a Song

Eigentlich ist es komisch, wenn man von einem Ort kommt, den man wie seine eigene Westentasche bereits bis ins hinterletzte Eckchen abgeklappert hatte, ein Ort, an dem man jeden Tag voraussagen konnte, wem man als nächstes begegnen wird, wer als nächstes mit einem sprach und welche Art von Konversation man miteinander führen würde. Alles ist gewohnt, weil ich hier – ja wahrlich – geWOHNT, gelacht, gelebt habe. Tot gesehene Backsteingemäuer, eingestaubte Stahlstreben, die von unten bunt ausgeleuchtet werden. Es war schwer, das Wesentliche zu erkennen, wenn man so lange alles auf einmal hatte. Jeden Tag hundert Prozent und man weiß doch gar nicht, wo einem der Kopf steht. Manchmal suchte ich verzweifelt nach neuen Wegen, die zum Bahnhof führten, neue Pfade, deren Böden ich noch nie zuvor betreten hatte, da ich tagein tagaus immer den direkten, den, den alle nahmen, abging. Die gleichen Plakate auf den Litfaßsäulen, jeden Mittwoch derselbe Obdachlose unter der Bahnbrücke, dem ich wie jeden Mittwoch einen Euro in seinen kleinen Plastikbecher warf. Dieselben verrückten Kassiererinnen im Supermarkt, die sich über die sich ständig ändernden Preise von Gemüse und fahrigen Omas ärgerten. Dieselben Menschen in der Badalona, im Freibeuter, in der Goldkante nach dem Kino, dem Theater. Ich trinke meinen Wein, proste euch zu und freue mich, dass ich mich zu Hause fühle, meine Welt hier, hab ich mir aufgebaut.

Und nun ist es so, als hätte ein schwarzes Loch all das aufgesogen. Als hätte ich mir das alles bloß eingebildet, eine schwammige Erinnerung an mehrere Jahre meines Lebens erscheinen mir plötzlich so fern, unwirklich, banal. Es ist so traurig, weil ich hier viel fühlte, an diesem liebgewonnenen Ort, Bochum, oh du mein Bochum. Du hast mich auf deinen Flügeln getragen, warst ein kleiner Vogel, eine kleine Kohlmeise vielleicht, aber ein liebenswerter Gefährte. Keine übertrieben ausgeprägten Ambitionen groß raus zu kommen, wie zum Beispiel das pfauenstolze, hippe Berlin oder das stockentenartige Düsseldorf. Du bist bescheiden und herzlich. Große Fresse nur, wenn’s drauf ankommt. Ich hab dich sehr lieb, glaubse?

Und nun sitze ich hier in einem wunderschönen Altbau, blicke auf eine kleine große Straße, auf deren Fahrbahn viel Geschichte plattgefahren daniederliegt. Ich denke, es gibt hier einiges zu entdecken, einiges aufzulesen von diesen Spuren, diesen Potenzialen, Kräften, die hier warten. Das Rotkehlchen ist vielleicht ein gutes Bild. Die Menschen sind freundlich, bodenständig. Kenne ich doch irgendwo her. Es gibt Schrebergärten, Joggingpeitschen, Ramschläden, partiellen, jedoch hier sehr schüchternen Lokalpatriotismus, drei dutttragende Hipster, Tattoos, guten Kaffee. Kein‘ Plan, wat hier mit Fußball los ist, da hab‘ ich keine Ahnung von. Jedenfalls ist hier’n Currywurststand und viel viel Grün.

Und ich, die Neue, ich schwebe hier und da so durch die Gegend und suche nach Material, nach Pailletten, die man hier und da vernähen könnte, hübsche kleine Glitzerbilder, die ich in mein Album kleben kann. Auch hier gibt es Zauber, man braucht nur einen Blick für die kleinen Partikel, die im Nebel des Alltags von den Menschen, die hier herkommen, übersehen werden. Ich habe ein Faible für ausgefallene Knöpfe. Und mein Blick ist noch offen, frei, unvoreingenommen.

Ich habe große Lust darauf hier etwas Buntes zu machen, Dinge zu erleben, den Ort zu schmücken, denn gerade, weil er angeblich so brach und trist und unbelebt sein soll, muss man ihn vielleicht sehen wie einen schlummernden hübschen Vogel, den es gilt aufzuscheuchen.

Wer macht mit?

ZUM ERSTEN MAL: EIN DIENSTAGABEND IN MAGDEBURG.

Es ist mein vierter Arbeitstag, mein neunter Tag in einer fremden Stadt, alles neubunt und trotzdem bin ich so ungeheuer müde, dass ich beinahe an meinem Schreibtisch daheim einnicke. Es ist unter der Woche, um genau zu sein Dienstagabend, halb sieben, draußen ist es dunkel, mild für einen frühen Märztag. Nach einem langen inputreichen Arbeitstag, einem beglückenden Abendmahl wär‘ noch was drin. Und was?

Ich gehe hinaus in den bereits dunklen Abend und schaue hinüber zu den Lichtern, den Leuten. Gleich auf der gegenüberliegenden Seite, da ist das Café Central. Eine liebevoll eingerichtete, muggelige, zweietagige Lokation, in deren Küche ab 19 Uhr feinste vegane Gerichte gezaubert werden. Madame Lulu. Aber das ist eine andere Geschichte wert. An den Wänden so schöne barocke Malereien, die in goldverzierten Rahmen stecken und die tolle grüne Tapete mit den Ornamenten. Ein Ort, der – so vermute ich – die alternative Hipster-Minderheit der kleinen Stadt anzieht. Das Publikum ist gemischt, gesprächig und genügsam: Während die wunderschöne Kellnerin gar nicht mehr mit dem Ausschenken nachkommt unten an der Theke, läuft die Küche auf Hochtouren und geduldig wartet man auf sein Abendessen, sein Feierabendbier oder seinen Bio-Wein. Verübeln kann man es ihnen nicht, es ist voll wie bolle und zunehmend heiß wie in der Sauna. Und warum, es ist Dienstagabend…Sind die Leute hier komisch? Nein, sie haben vermutlich Sehnsucht, genauso wie ich, nach Live-Musik, sind neugierig auf das, was die Konzertveranstaltergruppe Musikkombinat uns da kredenzt. Da ist es auch scheißegal oder gerade wundervoll, dass es Dienstagabend ist.

Bender & Schillinger, eine tolle Band mit starker Live-Performanz aus Mainz, sind mit ihrem neuen Album „Irony“ auf Deutschlandtournee und mit dabei haben sie Tom Klose, einen wirklich seltsamen Vogel, so zumindest mein erstes Empfinden. Ein Witzbold sondergleichen, lustige Anmoderationen; bisschen wirkt er optisch für mich wie eine Mischung aus William Dafoe und David Bowie, um ihn einer Schublade in meinem wirren Kopf zuzuordnen. Schön oberflächlich.

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Leute, die Musik, die Stimme, das Timing – einfach großartig! Und mit diesem ganzen Tamtam, seinem Auftreten, ein wahres Golderlebnis. Die Loop-Station kann er erstklassig bedienen, was mittlerweile bei dem exponentiellen Anstieg ihres Einsatzes in der aktuellen Folk-Singersongwriter-Indie-Szene ja nichts besonderes mehr ist (aber nach wie vor eine große Kunst!), bringt erstaunliche Wua-Wua-Effekte mit, die seine kräftige und unerwartet dunkle Stimme begleitend unterstreichen. Eine gelungene Einstimmung auf das musikalische Hauptgericht des charmanten Mainzer Duos, was uns serviert wird. Bender & Schillinger bringen mir ein bisschen Bochum, ein bisschen Pott, ein bisschen Heimat mit in die neue Stadt, hatte ich vor über einem Jahr mal das große Glück die beiden live im I AM LOVE zu erleben. Damals bereits beeindruckt musste ich meinen Weg an diesem Abend einfach hierher einschlagen. Linda, deren samtige Stimmkolorationen von ihrem Schlagzeug- und Keyboardklängen untermalt werden, und Chris umgibt eine warme Aura. Das mag an der Tatsache liegen, dass hier zwei sehr gute Freunde gemeinsam Musik machen und Musik ist da vielleicht auch das Medium, um sein gutes Gefühl füreinander zu zelebrieren?! Jedenfalls machen sie da weiter, wo Tom vor ihnen aufhörte: tiefgründige Musik mit ebenfalls tiefgründigen Texten zu fabrizieren, die all den Menschenkindern, die es heute Abend ins Central geschafft haben, gut tut. Und dementsprechend warm erstrahlt der ganze Laden, weil alle häppy sind und nicht nur aufgrund des guten  und des feisten Essens beseelt Heim gehen können.

Spät gehe ich hinüber über die Straße, atme die Nachtbrise tief ein, horche den Stimmen der wenigen Menschen am heutigen Abend da draußen und finde es richtig gut, dass ich genau heute genau hier bin.

DIE INTEGRATION MEINES HAARES UND DER KOLLEKTIVE JAN BÖHMERMANN-HASS

Vermutlich wird es noch eine mehr oder weniger große Herausforderung für mich bedeuten in Magdeburg einen* Friseur* meines Vertrauens zu finden. Derzeitiger Stand: negativ.

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Quelle: giphy.com

Um nicht auszusehen, wie so manche Erscheinung in der Straßenbahn (diese teilweise verstörenden Modeströmungen kenne ich nur zu gut aus dem Ruhrgebiet), riet mir eine meiner Mitbewohnerinnen dazu, definitiv nicht in Magdeburg einen Friseurladen aufzusuchen. Mithilfe meines Erfahrungswissens verfüge ich zwischenzeitlich über eine gewisse „Konsumentinnenreife“, die durch eine realistische Erwartungshaltung in Bezug auf Dienstleistung und Preis gekennzeichnet ist. Nur so arbeitet man sich durch den Angebotsüberhang der Haarschneidedienstleistung in jeder etwas größeren Stadt.

Bekanntlich wächst Erfahrungswissen im Laufe weiterer Erfahrungen in der Lebensspanne kontinuierlich an und gibt einem das oftmals hässliche Antlitz der Realität zu erkennen. Aus meinem nun geupdateten Erfahrungswissensschatz habe ich ein paar Handlungsmaximen zur Orientierung abgeleitet und zusammengetragen, die bei der Suche nach einem*r guten Friseurhandwerker*in Orientierung stiften kann. In diesem Zusammenhang möchte ich euch meine allerneuste Erfahrung nicht vorenthalten, die mich fortan an meiner oben genannten Konsumentinnenreife zweifeln lässt.

Mein bunter Erfahrungsstrauß

Von rabiaten Rasurtechniken mit anschließender Fissur an der Ohrmuschel über unkonventionelle Orte wie die eigene Wohnung oder eine Sommerwiese, an denen die Dienstleistung erbracht wurde, einem Friseur, der offensichtlich über ein spirituelles Einfühlungsvermögen für mich und seine Kund*innen insgesamt verfügte, bis hin zu typischem Friseurladeninventar – ein grummeliger Mops namens Heidi oder der stereotype, zitternde Affenpinscher – all das gehört zu den Basics des Friseurmetiers und macht den bunten Strauß meiner Erfahrungen hiermit aus. Als Kund*in erlebt man viele absurde Geschichten, hauptsächlich sind es die Lästereien über Prominente und aktuelle medial abgearbeitete Diskurse. Als Soziolog*in sind Friseurladenbesuche Anlässe, zu denen Feldforschung betrieben werden kann, und zwar insbesondere, wenn man neu in einer Stadt ist und sich aufgrund der hiesigen Lebensumstände in der homogenen Gruppe von akademisch (aus)gebildeten Menschen bewegt und eher wenig Berührungspunkte mit anderen soziokulturellen Milieus hat. Der Friseursalon zeigt dir, genauso wie die Bahnlinie, die nicht zum Universitätsgelände führt, wie die Stadt und ihre Menschen sind. Aus meiner Sicht gibt er auch Aufschluss über das Freizeitverhalten der Kundschaft und der Friseursalonmitarbeiter*innen als mehr oder minder repräsentative Gruppe der Magdeburger*innen und zeigt einmal mehr die Gesichter der Menschen und deren Habitus. Da begegnet man beispielsweise denjenigen, die sich für eine angemessene Bestrafung Jan Böhmermanns aussprechen – und das in aller Öffentlichkeit und voller Inbrunst.

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Quelle: giphy.com

Der Weg zum Friseur* deines Herzens

Meine Strategie für Magdeburg sieht wie folgt aus: 1. Sei bereit zu investieren. Die alte Handwerksweisheit, dass Preis mit Qualität korreliere, ist ja bekanntlich schon oft durch negative Konsumerfahrungen trotz hoher Investition und/oder eines Markenkaufs widerlegt worden (ich denke an meinen Pürierstab und ärgere mich). Jedoch meine ich (in Erinnerungen an meine Schneiderlehre schwelgend), dass diese Annahme in Bezug auf das Handwerk als solches in seiner Anlage häufig immer noch verifizierbar ist. 2. Komme davon ab, Perfektion zu erwarten. Es ist schwer dem Altbewährten gerecht zu werden, deshalb sollte etwas Neuem eine Chance gegeben werden. Der* Rheinländer* sagt hier gerne: „Jeder Jeck is‘ anders.“ Sprich, jede*r hat seine eigene Technik eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Niemand* wird jemals meine alte Friseurin ersetzen können, die voller Akkuratheit und perfektionistischem Zwang an meinem Kopf herumzauberte. Ich wünsche mir jemanden*, der* das halbwegs auf seine* eigene Weise bewerkstelligen kann und dabei gerne ein wenig verrückt ist. Deshalb muss der potenzielle Friseursalon des Glücks auch nicht unbedingt der Stylo-Laden sein, der allen Hipster-Menschen in Buckau die Haare frisiert (gibt’s die da?).  3. Mach dir vorab ein Bild von dem Laden. Das ist immer gut für ein erstes Bauchgefühl und erinnert mich an das obligatorische Telefonat, das den Entschluss für oder gegen ein Date mit einer Internetbekanntschaft erleichtert. Ich muss gestehen gegen die 3. Handlungsmaxime hinsichtlich der Tatsache, überhaupt kurzfristiger (hierzu zählt bereits ein Zeitraum von 3-6 Wochen) einen Friseurtermin zu ergattern, nicht beachtet zu haben. In der Regel und nach meinem letzten Erlebnis ist es jedoch ratsam, diese drei Maximen in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen. Und wenn es dann so weit ist und du zum Termin auf der Matte stehst, gibt es wiederum eine Liste an Kriterien, die für das Erreichen deiner Friseurglückseligkeit relevant sind. Angefangen vom Namen des Salons, über die Größe und architektonischen Bedingungen, die Preiskategorie, die Öffnungszeiten, die Erreichbarkeit, die Freundlichkeit bis hin zu subtilen Gesichtspunkten wie beispielsweise der Dekoration, der Farbauswahl der Möbel, der Authentizität und der Frisuren und der Kommunikationskultur der Angestellten, alles spielt zusammen. So ist der Gesamteindruck ausschlaggebend für die Dienstleistung „Friseurbesuch“ als solche, denn besteht diese Dienstleistung doch aus drei Komponenten: dem soziokulturellen Gefüge sowie dem Potenzial, inwiefern sich der*die Kund*in hiermit identifizieren kann, und der handwerklichen Dienstleistung, dem Haarschnitt. Demzufolge handelt es sich hier um einen ganzheitlichen Dienstleistungsbegriff. Im Folgenden werde ich meine letzte Erfahrung von der Friseursalonsuche bis hin zum fertigen Produkt – dem Haarschnitt – etwas strukturierter widergeben, um letztlich meine handlungsleitenden Maximen als eine Art Leitfaden für die mir bevorstehende weitere Suche zu bestätigen.

hipster koala

 

Hipster in your face, Quelle: giphy.com

Der strukturierte Leitfaden integiert folgende drei Ebenen: 1. Soziale Faktoren, 2. Unternehmenskultur 3. Qualität der handwerklichen Dienstleistung. Zu den sozialen Faktoren zählen Aspekte wie die Kommunikation zwischen den Mitarbeiter*innen sowohl untereinander als auch mit der Kundschaft, meint aber auch milieuspezifische Eigenschaften der Mitarbeiter*innen und der Kundschaft. Einige Inhalte werden mit dem Punkt Unternehmenskultur überlappen, dennoch ist dieser aufgrund seiner expliziten Begutachtung der unternehmerischen Authentizität von Ebene 1 abzugrenzen. Die Qualität der handwerklichen Dienstleistung bringt die aktive Ausübung des Friseurhandwerkes durch gewisse vom Laien erwartete Techniken zusammen mit der postum evaluatorischen Einordnung der handwerklichen Leistung durch den*die Kund*in. Des Weiteren lässt sich der Prozess dieser ganzheitlichen Dienstleistung auch zeitlich strukturieren, wobei zu Anfang die Phase der Suche, gefolgt von der Phase der unmittelbaren Dienstleistungserfahrung in die Schlussphase der Reflexion der Dienstleistung münden.

Salon-Experience #1: PopHair Friseursalon Buckau

Ein Bekannter meiner  Mitbewohnerin, der sich dadurch bei mir beliebt machte, dass er in Dortmund studiert hat und auf mondäne Haarschnitte im Stil der 40er steht, riet mir ab vom Friseursalon gegenüber, da der imageträchtige gute Mitarbeiter namens Matthew nicht mehr dort arbeite. Nun hätte er von Alternativen gehört, die er auch noch ausprobieren wolle. PopHair, ein Unternehmen mit drei Salons jeweils in Stadtfeld, Alte Neustadt und Buckau, sei wohl eine ganz gute Adresse. Habe er zumindest gehört. In Magdeburg, so fand ich heraus, ist es Gang und Gäbe, schon Monate vor und am besten gleich während des Friseurbesuches einen Termin für einen nächsten auszuhandeln. Dies führt dazu, dass Salons monatelang ausgebucht sind. Ich halte dies für einen Witz und eine unnötige Verschiebung einer auf Unzuverlässigkeit beruhenden Absagekultur in die Zukunft. Aber was rege ich mich auf. Das war jedenfalls der erste Zeitpunkt, an dem ich mich so fühlte, als würde ich einen Termin bei einem* Herzspezialisten* oder sonst einem* Fachmediziner* machen, dabei sah ich zwischenzeitlich so aus wie eine aus der Form geratene Konifere mit dunklem Wurzelansatz. Nachdem ich in PopHair Stadtfeld einen Termin für Ende April bekam, wollte ich wissen, was noch drin wäre und rief bei einigen Friseurläden an, deren Internetseite mich einigermaßen ansprach. Nachdem „Der Friseurladen“ mir von seiner prekären Mitarbeitersituation berichtet und mich abgewiesen hat, landete ich bei PopHair Buckau, wo ich prompt einen Termin bei Mitarbeiter Simon* (Name geändert), den ich bereits von einem Foto der Homepage kannte, ergatterte. Ein verregneter Freitagmorgen und verpennt fiel ich aus dem Bett, schwang mich auf mein Rad und rollte mit umsonst gemachter Fönfrisur nach Buckau hinunter. Nach Eintritt in den Laden fiel mir erst einmal nichts sonderlich Bemerkenswertes auf (Unternehmenskultur, Ebene 2), außer, dass der Laden leer war, was sich im Verlauf der nächsten drei Stunden ändern sollte. Simon begrüßte mich freundlich und informierte mich vorab darüber, dass ich einen Fragebogen auszufüllen hatte, der wichtige Angaben zum*r Kund*in und deren Beauty-Merkmalen abfrage. So solle die Zufriedenheit der Kund*innen sichergestellt werden. Erneut fühle ich mich wie beim Mediziner*, jedoch diesmal kurz vor der Erstuntersuchung im Wartezimmer. Zudem fragte er mich, welche Produkte ich täglich für meine Haare nutze. In diesem Salon verwende man ja ausschließlich vegane Produkte dieses schweizerischen Unternehmens, dessen Wurzeln in der Pharmaziebranche liegen. Und im Anschluss an diesen Einschub schloss er mit dieser friseurtypischen Rümpfnase, der Attitüde „Das, was du da nimmst, sind doch keine richtigen Produkte“ und dem Spruch: „Diese ganzen Silikone sind überhaupt gar nicht gut für das Haar!“ Ich fühle mich, wie immer getadelt von Vertreter_innen des Friseurhandwerkes und dachte an meine wasserstoffblondierten Haare, in denen, wenn es hoch kam, höchstens noch zwei Prozent Leben steckte und sie deshalb ohne die bestimmte chemische Drogendosis überhaupt nicht lebens-/ bzw. frisierfähig wären.

britney spears oops music video smiling hair flip

 

Quelle: giphy.com

Für mich ist der springende Punkt eher die Umwelt, aber das ist eine andere Diskussion. Nun gut, gescholten sitze ich auf dem Drehstuhl und werde mit meiner Ansatzfärbung verarztet. Das dauert. Zwischendurch geht Simon einige Male quer durch den Laden, bestellt mit seinen Kolleg_innen Mittagessen beim Imbiss und raucht draußen. Das bemerke ich dann sehr deutlich, als er mir am Waschbecken die Haare auswäscht und der vormals angenehme Geruch des Shampoos sich mit dem penetranten Zigarettengeruch seiner Finger vermischt. Diese Duftmixtur habe ich noch tagelang in meiner Nase.

Soziale Faktoren und Unternehmenskultur

Es sind folgende Konversationsbruchstücke, an denen ich die Relevanz oft subtiler sozialer Gesichtspunkte darlegen möchte und anhand derer ich zudem Rückschlüsse auf den Informationsstand der Kundschaft und der Mitarbeiter*innen (Ebene 2) sowie deren Habitus und dessen Prägekraft für die gesamte Unternehmenskultur ziehe.

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Quelle: stern.de

Szene 1: KULTURELLE BILDUNG – DIE BÖHMERMANNPOSSE

Kunde: „Dieser Böhmermann dit is ja och n janz schmierijer. Jeschieht ihm recht, der bekommt ja so viel Asche vonne Je-eh-zett:“

Friseur: „Ja, echt mal, so’n Aalglatter is dat. Ick sach‘ ja immer, der muss sich nisch wundern. Der soll ma schön bestraft werden, dann lernt der vielleicht ma wat.“

Kunde: „Ja, die bekommen so’n Ast Jeld von allen und wat machense? Ausm Fenster schmeißen und sich och noch so daneben benehmen.“

Die Bezeichnung „Dieser Böhmermann“ weist auf ein Vorwissen hin, über das beide Gesprächspartner trotz unterschiedlicher Rollenpositionen verfügen und dieses ohne besondere Thematisierung innerhalb ihrer Konversation abrufen und weiterverarbeiten. Beide haben ein bestimmtes inneres Bild vor Augen, während sie über „diesen Böhmermann“, diesen „aalglatten“, „schmierigen“ Menschen sprechen, haben sie ihn bereits als Repräsentant der GEZ (Gebühreneinzugszentrale), dem Finanzkoordinationsorgan der Institutionen des öffentlichen Rechts, identifiziert und so als Persönlichkeit der Medien eingeordnet. Beide Sprechakteure nehmen in dieser Sequenz gegenüber diesen Institutionen eine kritische Haltung ein, da sie der Annahme folgen, diese würden Finanzmittel ineffizient einsetzen. Der Kunde äußert sich zudem zu der aktuellen Debatte um die Aufnahme eines Verfahrens gegen Jan Böhmermann aufgrund seines Verstoßes gegen §3 des Strafgesetzbuches. Details werden an dieser Stelle aufgrund der inflationären Berichterstattung über diesen Vorfall ausgelassen. Auch hier verfügen beide Gesprächspartner über einen aktualisierten Wissensstand, der die thematische und strukturelle Ausrichtung dieses Gespräches ermöglicht und in einen Sinnhorizont eingliedert. Offen bleiben einerseits Hinweise auf die  Informationsaneignungstechniken, die von beiden Akteuren angewandt wurden und andererseits, welche Quellen ihnen verfügbar waren und letztlich selektiv beansprucht wurden.

Szene 2: SUBJEKTIVE INTERVENTIONSSTRATEGIEN BEI AUFERLEGTER LANGEWEILE

Kunde: „Ick war drei Wochen krank zu Hause. Nee, ernsthaft, ick war richtisch krank, wa. So mit Fieber, alles. Halt dich bloße mal auf Abstand, wa? (lacht)“

Friseur: „Oh. Ja, geh‘ bloße wech von mir! (lacht)  Und wat machse, hasse Konsole?“

Kunde: „Nää, wirklich, ging nischt, kannse doch nisch Konsole spielen bei Fieber, weße. Ick war RICHTISCH krank! Kann ick mir auch nisch vorstellen, so den janzen Tach zu Hause abhängen. Da wirse mal bekloppt. Keen Wunder, dat die alle früher oder später durchdrehen. Ick würd die Krise kriegen.“

Für den Friseur erscheint der Eintritt einer akuten Infektionskrankheit und der Tatsache, aufgrund dieser mit erhöhter Temperatur die Bettruhe einhalten zu müssen, offensichtlich unvorstellbar. So gelten für ihn freizeitliche Aktivitäten, wie die Beschäftigung mit einer Spielkonsole als mögliche Strategien, den durch außen auferlegten Zwang zum Nichtstun zu kompensieren und die Zeit der fremdbestimmten Inaktivität mit Sinn zu befüllen. Beide Gesprächspartner setzen das implizite Wissen über eine Differenzierung von „richtigem“ und „nicht richtigem“ Kranksein voraus. So betont der Kunde erneut, dass er „wirklich“ krank war und diesen Zustand nicht simuliert habe, um sich möglicherweise ohne vorliegendes Indiz einer akuten Erkrankung trotzdem von der Erwerbstätigkeit freistellen zu lassen.

edward scissorhands johnny depp dianne wiest scissorhands

 

Quelle: giphy.com

Diese beiden Gesprächssequenzen geben Aufschluss über die soziokulturelle Prägung der beiden Gesprächspartner. Die Reproduktionszeit mit einer Spielkonsole zu verbringen, ist an dieser Stelle natürlich kein Anzeichen dafür, in welches Milieu eine Person zu verorten ist, aber liefert Hinweise auf die individuelle Lebensgestaltung in Phasen der Nichtarbeit. So wird per se weniger beansprucht die arbeitsfreie Zeit mit einer Tätigkeit zu befüllen, die dem*r Handelnden* eine unmittelbare körperliche Aktivität abverlangt. Wiederum naheliegend ist, dass der Friseur deshalb diese Tätigkeit mit der durch die Krankheit ausgelöste Inaktivität in Zusammenhang bringt. Alternative Tätigkeiten, die ebenfalls mit einer geringen körperlichen Aktivität ausführbar sind, bringt er jedoch von vornherein nicht zur Sprache. Interessant erscheint auch die subtile Art und Weise, wie das Themenfeld „Erwerbstätigkeit“ sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser geschilderten Gesprächssequenzen diskursiv bearbeitet wird. Es werden eindeutige Hinweise darauf gegeben, dass das Primat der Arbeit als schicksalhaftes Los akzeptiert wird bzw. werden muss. Ferner wird die berufliche Tätigkeit möglicherweise aufgrund der ökonomischen Abhängigkeit des Individuums allen anderen Teilbereichen des Lebens übergeordnet. Exemplarisch hierfür ist ein weiterer Kunde, der angibt, in seiner Mittagspause den Friseurtermin wahrzunehmen und dieser demzufolge rasch vonstatten zu gehen habe, da er zeitig seine Arbeit wieder aufnehmen müsse.

Der Kunde in den beiden angeführten Gesprächssequenzen scheint sich zudem von einer Personengruppe abzugrenzen, die dauerhaft ihre Zeit zu Hause verbringt. Genauer definiert er diese Gruppe nicht, beurteilt ihre soziale Situation jedoch aus seiner Sicht ebenfalls als unvorstellbar.

Beide Gesprächssequenzen sind Teilelemente in einem Gesamtgefüge, das letztlich die Dienstleistung „Friseurbesuch“ ausmacht. Insgesamt kann konstatiert werden, dass der kommunikative Austausch – in besonderer Weise der zwischen Kundschaft und Friseurhandwerker*in – sehr wichtig für die Erbringung der ganzheitlichen Dienstleistung „Friseurbesuch“ ist. In aller Regel werden Themenfelder, die aktuell medial sehr präsent sind, bearbeitet. Die Flüchtlingssituation in Deutschland, der Böhmermanneklat, die Europapolitik unserer Bundeskanzlerin, hier kommt einiges zusammen. Darüber hinaus wird dieses politisch-öffentliche Themenspektrum durch persönliche Inhalte erweitert, wie beispielsweise die Krankheit eines Kunden oder Wochenendaktivitäten und Anekdotennarrationen aus dem Privatleben. Dies schafft nicht nur zwischen dem*der Kund*in eine sehr nahe und sensitive Kommunikationsverbindung, sondern verwandelt den Ort „Friseursalon“ in einen sozialen Raum, der die architektonische Voraussetzung dafür ist, dass diese Art von Kommunikation überhaupt stattfinden kann.

Zufriedenheit mit der handwerklichen Leistung

Als Laie kenne ich mich nicht unbedingt mit handwerklich genormten Techniken des Haareschneidens aus und greife deshalb auf mein Erfahrungswissen zurück, welches Orientierung bei meiner Urteilsfindung nach der erbrachten Dienstleistung „Haarschnitt“ leistet. Ich gehe die Pfade in meinem Gedächtnis ab, die mich zu positiven Erfahrungen mit dem Haareschneiden und zu extrem negativen Erfahrungen bringen. Zwischen Simon und mir herrscht seit einer Weile Schweigen. Ich frage mich, wieso. Dann erkenne ich, dass ich im negativen Sinne fasziniert bin davon, mit welcher Scheu er meine Haare mit seinen Fingern berührt, um sie so zu halten, dass er die Schere ansetzen kann. In meinen Laienaugen wirken seine Handbewegungen weder technisch, noch versiert oder erfahren, sondern vielmehr widerwillig, unliebsam, bloß mäßig engagiert und – sofern ich das beurteilen kann – dilettantisch. Die Rede ist hier von meinem ganz subjektiven Empfinden.

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Salma Hayek als Frida Kahlo (2002), Quelle: giphy.com

Als er den Rasierapparat für das Nachzeichnen meines Undercuts ansetzt, werde ich innerlich wirklich panisch. In erster Linie denke ich an die Sicherheit meines Ohres. An zweiter Stelle an die meiner Haut. Erst an dritter Stelle denke ich daran, dass er mir eine unwiderrufbare Macke ins Haar rasieren könne. Traurig, aber all diese Sachen hätte ich ihm zugetraut. Simon schafft es: Das Bisschen, was er an meinen Haaren nach der Ansatzfärbung frickelt, macht er ohne Komplikationen. Das war aber auch schon alles. Unaufgefordert und von sich selbst aus (so auch bereits mit der Haarkur am Waschbecken, nach deren Einwirkzeit ich eine halbe Nackenstarre zu ertragen habe) fönt er mein Haar und sagt im Anschluss leicht genervt: „Ach ja, jetzt fön ick dir die nochmal n bisschen auf, wa.“

Achtung, n bisschen hatespeech

Urteilslos gehe ich hinüber zum Jackenständer, greife nach meiner Jacke und fühle mich wie paralysiert. Ich bin benommen von allem, ganzheitlich, dem Gesamtgefüge. Es ist wie eine Art Schock. Simon tänzelt zur Kasse, tippt hier und da irgendwelche Preise in den Computer und nuschelt im Anschluss daran die Summe, die diese Dienstleistungs wert sein soll. Erschüttert und gleichzeitig erboßt schiebe ich meine Girokontokarte hinüber. Siebenundsiebzig Euro. Für was? Ernsthaft. Für was? Für den Zigarettenqualm? Den Zettel, den ich am Anfang ausfüllen sollte? Für die nervigen Gesprächsfetzen, die mir um die Ohren knallten? Für das langweilige Blabla mit dem Friseur darüber, dass in Magdeburg nichts abgehen würde und Feiern nur in Berlin oder Hamburg möglich sei? Dafür, dass ich mindestens drei Mal jeweils 10 Minuten zu warten hatte, darauf, dass Simon eine andere Kundin bediente, sein Mittagessen bestellte (ja, jeder Mensch hat ein Recht auf Pausen bei der Arbeit, aber man kann es freundlicher und transparenter machen) oder hinausging zum Rauchen?

baby sinclair tv dinosaurs

 

Quelle: giphy.com

Dafür, dass ich mir die ganze Zeit schlechte Spotify-Playlisten mit Kirmesmusik reinziehen musste oder diese schlimme Frau, die ständig alle Frisuren ihrer Mitmenschen kommentieren musste neben mir zu ertragen hatte? Dafür, dass man mich nicht nur wegen meines Zuzugs nach Magdeburg als verrückt erklärte, sondern auch dass man meine Haare mit den renommierten veganen Produkten eines Schweizer Apothekenunternehmens behandelte? Es leuchtet mir ein. Ich glaube, auch er weiß mein paralysiert reserviertes Verhalten zu deuten. Vielleicht täusche ich mich auch.

Ich gehe zu meinem Rad, das im Regen da draußen auf mich wartet und bin froh meine Kapuze über den Kopf ziehen zu können. Es ist wirklich ein armseliges Gefühl sich über den Tisch gezogen zu fühlen und ich entscheide mich bewusst dazu, aufmerksamer zu werden. Nicht so leicht zu verschaukeln zu sein. Vielleicht hatte ich das ausgestrahlt? Vielleicht sah ich aus wie eine reiche Schickse aus dem Westen von Deutschland? Jedenfalls war mir klar, dass ich es nicht war, die zu ihrer Klientel gehörte, soviel stand fest. Und Simon? Ja, also ich denke, jeder* Mensch* ist in irgendeiner Sache wirklich gut. Das glaube ich wirklich, kein Scherz. Allerdings fällt mir, so wie für manche*n Busfahrer*in oder so manche*n Lehrer*in oder auch Herzspezialist*in der Spruch ein: „Augen auf bei der Berufswahl.“

Was meinen Leitfaden angeht: Ich werde nicht aufgeben, aber ich werde auch nicht weniger kritisch werden, sondern  – im Gegenteil und mit Blick auf meine Konsumentinnenreife – künftig noch spezieller auftreten und meine Kundinnenanliegen und –werte konkret(er) äußern. Vielleicht verschafft man sich dadurch etwas mehr Respekt im Sinne einer Dienstleistungsbeziehung zwischen zwei Akteuren, die sich zum Ziel gesetzt haben, zufrieden aus der Situation hinauszugehen. Beidseitig. Ich glaub, jede*r Ökonom*in hätte das an dieser Stelle jetzt mit dem chicen Label „Win-Win“ versehen. Ich glaube, wir lassen das. Final möchte ich, dem PopHair Salon Buckau wohlgesonnen, Folgendes zugeben: Schon allein wegen des Jan Böhmermann-Diss wäre die Zufriedenstellung meiner Person wohl an diesem Tag an diesem Ort in dieser Konstellation kaum noch möglich gewesen. Und doch stehe ich dazu, eine anspruchsvolle Kundin zu sein, die definitiv nicht mehr wiederkommen wird.

wiki candy crush soda candy crush

 

Quelle: giphy.com