Vollmond in Magdeburg.

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Welch verzückendes Wochenendjuwel liegt hinter mir; durchdrungen von juvenil schändlichen und weniger schändlichen Taten. Von nackten Brüsten und blanken Penissen über polyamouröse Weiterbildungsmaßnahmen bis hin zu American Beauty, dem Film meiner Jugend, war alles dabei. Hollywood in Magdeburg sozusagen. Heute ist Montag, ich sitze resümierend in meinem Bett und denke an das Gefühl, das ich hatte, nachdem ich gestern Nacht ins Bett geschlüpft bin – mal ganz von meinen nicht warmwerdenwollenden Füßen abgesehen. Eine bezirzend süß duftende Brise Freiheit weht mir durch mein Haar und ich kann mich nicht beklagen, es fühlt sich alles rund an an diesem Montagnachmittag. fliegenlassen

Neben der Tatsache, dass ich meiner sicher sein kann, in einer abendlichen Männerrunde – selbst im betrunkenen Zustand – unter ja keinen Umständen meine sexuellen Bedarfslagen durch eine eindeutige körperliche Expression nach außen zu richten, erfahre ich mich an diesem Vollmondwochenende doch selber als ein von Erhabenheit durchtränktes Wesen vom Mond, das friedfertig und anständig das wilde Treiben der Menschen aus einer Makroperspektive beobachtet. Natürlich fühle ich mit bei dem, was die Menschen da miteinander erleben und ich stelle mir Fragen zu unserem Sein, zu unseren Zielen, meinen Zielen.

Einmal Freak immer Freak.

Schließlich konkretisiere ich durch mein Erlebnis an diesem Freitagabend meine Fragen zu dieser tiefgründigen: Wonach sucht unsere Generation? Eine Antwort darauf habe ich vielleicht am darauffolgenden Sonntag gefunden oder zumindest einen Baustein hierfür, aber fangen wir lieber mal von vorne an, um die Umstände deutlich zu machen, die hierzu hinleiteten. Im Grunde birgt sich in einem ganz bestimmten Schlüsselerlebnis die Initialzündung hierfür.

Ich komme also nach einer Tagungswoche in meiner alten Heimat – dem Ruhrpott – nach Hause und bin schwer im Kopf und etwas ausgehungert im Herzen, aber nicht der Rede Wert. Kaum betrete ich Magdeburgischen Asphalt, passieren auch schon die ersten ortstypisch verrückten Dinge. Menschen sitzen mit Sack und Pack auf den Parkflächen der Sternstraße. Die Grünen haben gegenüber ihre Fahne gehisst. Irgendeine Gruppe tanzt zu Elektro. Es wird geliebt, gelacht, gelebt vor meiner Haustüre. Sie nennen es den PARKing Day, ein Event, an dem weltweit Parkflächen zu sinnvolleren Dingen wie dem Tanzen, Sitzen und Schmökern umfunktioniert werden. Es regnet und aus meinem übergroßen Wolltuch habe ich einen Turban geformt, mit dem ich ungesehen schnell in die Wohnung entschwinden kann. Dort warten drei lächelnde Mitbewohner_innen, die bekunden, mich vermisst zu haben. Ich werde rot. Das Herz tanzt. Führen sie etwas im Schilde?

Später geht es mit D. rüber in die Bar. Der Regen ist uns egal, wir strahlen und freuen uns darüber, dass die Nacht den Tag von seiner nach Belanglosigkeit stinkenden Tristesse befreit hat. Es geht weiter mit Wein, D. frönt ihrem Whiskeyfaible. Ich glaube, wir sprechen über die Banalitäten des Alltags, über unsere Wochenerlebnisse und über die Eigenheiten der Menschen. Mit Sicherheit auch über die Liebe, ich entsinne mich kaum. D. lacht, da mir nach und nach die Befähigung der deutlichen Aussprache abhandenkommt. Es spielt keine Rolle, denn wir haben uns und glänzen dabei.

Und alle so: Frei sein.

Da D. müde ist, geht sie um ein Uhr rüber und ich bleibe hier, weil N. da ist und weil die Menschen, die mich umgeben, gute Herzen haben. Plötzlich sind alle aufgerieben, ein Gelächter durchdringt den Raum. Eine junge Frau habe ihre Brüste freigelegt, heißt es. Sie nennen sie Sarah*. Ein Freund von N. ist entsetzt und einige schütteln mit dem Kopf. Ich auch. N. wundert sich nicht, schließlich arbeitet er schon eine ganze Weile hier. Ich stehe auf und werfe einen Blick hinaus zu dem Mädchen. Sie sitzt auf der Bank und wirft ihren Kopf kess in den Nacken. Der Mann neben ihr und die anderen um sie verteilt schauen sie an. Aus meiner Perspektive sehe ich, wie sie mit frecher Miene ihren Ausschnitt am Oberteil ergreift und nach unten ausdehnt, sodass ihre nackten Brüste hinaushüpfen. Ich glaube, ich bin betrunken. Ich glaube, ich bilde mir das jetzt alles nur ein. Ich möchte mir das einbilden.

Es sei eine Sache zwischen ihr und dem Kellner gewesen, der zuvor seine Hose hinuntergelassen habe, erklären mir Stimmen. Stimmt, seinen Hintern meine ich auch erblickt zu haben, oder ist das bloß Kopfkino? Nun herrscht offensichtlich touché zwischen den beiden.

Mal wieder finde ich es komisch, dass die weibliche Brust in unserer Gesellschaft einen so stark sexualisierten Körperteil darstellt. Jedenfalls erscheint mir das kesse Mädchen von draußen mit ihren blutjungen 21 Jahren zu wissen, wie man sie als Statement innerhalb eines sozialen Gefüges gekonnt einbringen kann. Während ihre Entblößung zu purem Gelächter um sie herum führt, ruft der Eindruck des nackten Schwanzes weniger Aufmerksamkeit hervor. Nein, die Frau ist es, deren Verhalten hier von den Anwesenden und von mir als ordinär beurteilt wird. Das Auspacken des Penis wird eher als sportliche Aktivität eines ebenfalls blutjungen Mannes betrachtet, der sich nun in das Gelächter nach drinnen begibt und sich daran beteiligt. Das ist ein spannendes Moment. Dieser Unterschied, der gemacht wird. Mich beschäftigt diese Sequenz, weshalb ich auch mit einem Kopfschütteln merklich irritiert auf dieses Geschehen reagiere. Warum um alles in der Welt hat sie das getan?

Laut meines Menschenverstandes, den man als relativ gesund bezeichnen würde, vermute ich zwei Motive, die Sarah zu derlei Tat anstiften. Ich gebe zu, es hätte zu krasseren Reaktionen führen können, hätte sie – als adäquate Reaktion auf den nackten Penis des Mannes – ihre Muschi gezeigt. Denn auf diese Weise wäre eine bestimmte Form der Deutung nicht mehr möglich gewesen, die nur mit der weiblichen Brust als Assoziation verknüpft ist. Durch das Entblößen der Brust als weibliches Geschlechtsattribut wird lediglich die männliche Sexfantasie auf die Spitze getrieben und bestärkt, dadurch dass das primäre Geschlechtsmerkmal verborgen bleibt. Eine entblößte Muschi wäre demgegenüber zu platt, zu puristisch, ja zu ordinär dahergekommen. Aber es wäre ein eindeutiges Statement gewesen, ein Bruch. Das sind subtile Dinge, über die sich Sarah mit Sicherheit bewusst ist, als sie ihre Brüste und nicht ihre Vagina zur Schau stellt. In dieser Tat spiegelt sich das erste allgemein gehaltene Motiv der Suche nach Anerkennung seitens der Männer durch Provokation wider.

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Quelle: giphy.com

Titten statt Worte.

Die junge Frau handelt aus einem anthropologischen Grundbedürfnis heraus; sie möchte gesehen werden. In erster Linie als Mensch. Dass die entblößte, sexuell überinterpretierte weibliche Brust ihr hierzu verhelfen soll, ist möglicherweise ihrer Unbeholfenheit geschuldet. Da kann sie nichts für. In ihrer Situation hat es für sie keine andere Möglichkeit gegeben, um auf sich aufmerksam zu machen. Das ist vielleicht weniger traurig, als dass es menschlich ist und für das Menschsein muss man sich wohl an anderen Ecken und Enden schämen.

Ein zweites Motiv, so schätze ich die Situation ein, ist ihre Suche nach einer spezifischeren Form der Anerkennung. Ich interpretiere ihr Verhalten dahingehend, dass es zielgerichtet für den Mann, der unmittelbar neben ihr sitzt, bestimmt ist. So wage ich zu sagen, dass sie für ihn romantische Gefühle hegt, zumindest räumt sie ihm im Gegensatz zu den anderen anwesenden Männern, die Zeuge dieser Szenerie werden, einen besonderen Stellenwert ein. Ebenfalls ein Ausdruck dafür, gesehen werden zu wollen, ziemlich menschlich und in dieser verzweifelten Form auf irgendeine absurde Weise schön.

Was geschieht, ist allerdings das Gegenteil: Die durchaus taffe Handlung, ihre Brust zu entkleiden, artet plötzlich zu einem Striptease ihrer Person aus und sie erscheint nicht nur obenrum, sondern auch auf personaler Ebene nackt. Das ist der Punkt, an dem ich beginne mitzufühlen und hinzuschauen. Warum? Warum geht sie mit sich so um?

Ich bin der Überzeugung, dass diese Handlung nicht nur begünstigt ist durch irgendeine alkoholisierte Laune, noch durch Naivität oder gar intellektuellem Unvermögen, sondern vielmehr aufgrund von Überforderung und einem verzweifelten Wunsch nach Anerkennung ihrer Einzigartigkeit als Person in einem sozialen Gefüge – der Öffentlichkeit – und durch diesen bestimmten Mann neben ihr erfolgte.
Wäre Sarah zum Stillen ihres Geltungsdrangs wirklich taff, emanzipiert und konsequent genug und in der Lage dazu gewesen, auf den reduktionistischen männlichen Blick zu verzichten, der den weiblichen Körper nach Potenzialen, eine männliche Sexfantasie zu erfüllen, absucht, hätte sie nicht ihre Brüste entblößt, sie hätte ihre Vagina zum Besten gegeben. Doch nun ist es gelaufen und die Tore sind geöffnet für klamaukigen gossip.

Später beobachte ich Sarah, wie sie die Nähe sucht, indem sie ihren Körper an die Jungs schmiegt, völlig enthemmt und ohne Berührungsängste. Sie spielt das Spiel aus gleicher Motivation heraus weiter, um Aufmerksamkeit, Anerkennung, ja, Zuwendung zu bekommen. Ob ihr dies gelingt, vermag ich nicht zu beurteilen. Mir sind die Konstellationen nicht bekannt, ich weiß nicht, wie die Beziehungsstränge dieser Menschen untereinander verwoben sind. Als stille Beobachterin kann ich bloß vermuten. Aber ich rechne nicht damit, dass es ihr gelingt. Fakt ist, dass sie zumindest für diesen Abend die Aufmerksamkeit des Mannes verloren hat, auf den – so vermute ich – ihr Verhalten eigentlich ausgerichtet ist, offensichtlich getreu des Mottos Koste es, was es wolle. Auf diese Weise hat sie in Kauf genommen, dass ihr etwas Persönliches verloren geht.  Ist es  Erhabenheit, die sie bereitwillig einbüßt? Sarah inszeniert sich in dieser sozialen Situation einerseits in einem unglücklich schummrigen und bloßstellenden Licht als selbstdegradiertes Sexualobjekt und andererseits missglückt ihr zu allem Überfluss auch noch der Zugang zu dem Mann, für den sie – wie es nach außen wirkt – romantische Gefühle hegt. Zumindest suchen alle Beteiligten so auch er das Weite. Sie nehmen Abstand von ihr als hätte sie sie beschämt, dabei zeigte sie nur ihre Brüste. Was ist dabei, fragt man sich, wenn man einmal genauer darüber nachdenkt. Ich finde es tragisch, ihre selbstgewählte Unfreiheit berührt mich. Unfrei deshalb, weil sie sich freiwillig und eigenständig mit der Darbietung ihres Körpers sexualisiert. Und Sexualisierung hat immer etwas mit Objektivierung und Entfremdung zu tun. Freiwillig gibt sie sich der Unterdrückung preis.

Den ganzen Abend denke ich darüber nach und fühle mit. Warum hat sie keinen Weg gefunden, um ihn anders auf sich aufmerksam zu machen?  Wie bedürftig muss jemand* sein, um auf diese Art einem anderen Menschen sein* Interesse zu bekunden?

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Szene aus „I’m a slave for you“ von Britney Spears (2001) Quelle: giphy.com

Ich tue das Vorkommnis nicht als pubertäre Handlung ab. Nein, in der Jugendlichkeit der Frau liegt vielleicht nur der Grund ihres taffen Verhaltens und das ist prinzipiell keine negative, sondern eine energetisch positive Eigenschaft. Ich möchte sie fragen, warum, doch ich traue mich nicht und dann ist sie auch schon verschwunden in der knisternd aufgeladenen nächtlichen Stimmung.

Am nächsten Morgen erzähle ich D. davon, die das Meinungsbild der anderen bestätigt. Aus Sicht einer Frau ist es oft schwer sich in einer Situation wie dieser zu positionieren. Schnell werden Frauen als ordinär bezeichnet, die sich in der Öffentlichkeit gehen lassen. Auch wir beurteilen ihr Verhalten als unangemessen, hinterfragen es aber.

Anschauen ist eine männliche Sportart.

Der Blick der Öffentlichkeit ist und bleibt in den meisten Konstellationen männlich. Anstatt sie ordinär zu nennen, hätte man das Verhalten von Sarah vielleicht als rollenkonformes Spießertum abtun können, da sie die  traditional hierarchische Struktur eines binären Geschlechtervehältnisses reproduziert. Aus Unbeholfenheit, Unwissenheit oder Unfähigkeit, wer weiß.

Ich denke an den Filmabend, der das Wochenendjuwel perfekt versiegelt. Sonntagabend wird American Beauty gezeigt, der Film meiner depressiven Loser-Jugend. Für alle die, die den Film nicht kennen Folgendes:

  1. Ihr habt etwas nachzuholen, um zu verstehen, wie die Stimmung der Jugend der heutigen 30er-Generation aussah.
  2. Annette Bening hätte für ihre Leistung den Oscar als beste Nebendarstellerin absahnen sollen und
  3. So viel hat sich bedauerlicherweise im Laufe der letzten 17 Jahre in puncto verkorkster Familien, Homophobie, Spießigkeit und Prüderie in unserer Gesellschaft nicht getan, weshalb dem Film über die Jahre an Aktualität kaum etwas abhandengekommen ist. Und auch die Menschen, die den Film in der Anti-Phase ihrer Jugend feierten, scheinen in den meisten Fällen letztlich doch den guten alten, heteronormativen way of life eingeschlagen zu haben, was sich an diversen Phänomenen wie beispielsweise in der Art ihres Griffs der Baumschere, der Planung des Anschneidens ihrer fucking Hochzeitstorte oder am regelmäßigen Tatortgucken und dem Bügeln der Unterwäsche manifestiert.

Jane, die Teenie-Tochter des Protagonisten Lester Burnham, verliebt sich in den neuen Nachbarn Ricky Fitz, ein beeindruckend selbstbewusster Andersdenkender, der ihr aufgrund seines Hobbys, dem Filmen toter Tiere und durch den Wind tanzender Plastiktüten, anfänglich Angst einflößt. Langsam bekommt man jedoch zu spüren, dass sich auf zaghafte Weise etwas zwischen den beiden anbahnt. Dass Jane echtes Vertrauen zu Ricky aufgebaut hat, tritt in der Szene beeindruckend zu Tage, in der sie sich eines Abends mit nacktem Oberkörper in das Fenster stellt, in dem Wissen darüber, dass Ricky Fitz (und nur Ricky Fitz) sie aus seinem Zimmer sehen kann. Ich denke an Sarah aus der Bar von Freitag. Was unterscheidet sie von Jane? Nun, vielleicht erst einmal zu den wenigen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Frauen, beide entkleiden ihre Brüste und ernten Blicke hierfür. Jane und auch Sarah sehnen sich beide nach tiefgründiger Anerkennung, danach, dass sie wahrgenommen, erkannt und gesehen werden. Nicht in ihrem Dasein als Frau, sondern als Mensch. Jedoch anders als Sarah zeigt Jane in der Szene ihre Brust nur unter dem Umstand, dass niemand anderes* Zeuge dieser Handlung wird außer der Typ, auf den sie steht. Auf diese Weise entsteht eine vertraute Verbundenheit zwischen ihr und Ricky; nur er kennt das Aussehen ihrer Brüste. Aber nicht nur das. Sie zeigt ihm damit eine persönliche und sehr intime Seite von sich. Sarah stattdessen verbaut sich die Möglichkeit dieser vertrauensvollen Verbindung zu einem Menschen mit dieser Handlung schon alleine dadurch, dass sie die Blicke einer beachtlichen Menge an Männern auf ihre enthüllte Brust zulässt. So verliert das Gesehene seinen exklusiven Charakter beim Erblickenden, die nur durch den Zauber der Zweisamkeit, der reinen Heimlichkeit zwischen zwei einzelnen Menschen ermöglicht wird. Und so bekommt die Sache plötzlich einen ganz herben Beigeschmack. Während also Jane im Zeigen ihrer Brüste ihre Verletzlichkeit offenbart und zeitgleich ihr Vertrauen Ricky gegenüber beweist, ohne dabei Gefahr zu laufen, ihr Gesicht zu verlieren, tritt für Sarah  genau der gegenteilige Effekt in Kraft: Sie verliert nicht nur ihre Integrität in aller Öffentlichkeit, sondern verbaut sich auch jegliches Vertrauen des Mannes, den sie mit ihrer Handlung offensichtlich ursprünglich erreichen will. Dabei handelt sie aus dem gleichen Motiv wie Jane: In ihrer Einzigartigkeit begriffen zu werden. Das ist ein sehr kindlicher Wunsch. Ein urmenschlicher.

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Szene aus American Beauty (USA 1999,  Regie: Sam Mendes), Quelle: giphy.com

Aber das ist auch schon alles, was die beiden eint. Ganz anders verhält es sich zu Angela, Janes Freundin, ein unsicherer Teenie, der sich auf die Suche nach männlicher Bestätigung begibt, sich dabei ebenfalls selbst als Sexobjekt konstruiert und sich auf diese Weise in die Fänge des männlichen Betrachters begibt. Für Sarah hoffe ich, dass dieses freizügige Verhalten nur für diese eine absurde Vollmondnacht gilt, in der es wirklich nicht mit rechten Dingen zugeht.

Mein Montagnachmittag im Bett verhilft mir zu neuen Erkenntnissen über mein Leben. Einerseits weiß ich um meinen ausgeprägten Drang zur Freiheit, ich weiß um meine moralischen Werte, darum, dass mir meine Integrität viel bedeutet und es in aller Regel nicht lohnenswert ist, sie für den kurzweiligen Blick eines Mannes herzugeben. Ich ende mit dem Grübeln darüber, warum Exhibitionismus nur bei Männern funktioniert und male mir aus, wie es sich anfühlen würde im nächsten Winter mit einem Ledermantel und darunter unbekleidet spazieren zu gehen. Ist das Freiheit? Denn schon allein das könnte doch eine Mutprobe vor mir selber dafür sein, die eigene Sexualisierung des weiblichen Körpers zu überwinden. Und zwar ansetzend dort, wo es bereits anfängt: In meinem eigenen Kopf. Wir Frauen sexualisieren uns häufig selber. Diesen Blödsinn sollten wir mal des Öfteren reflektieren, meine ich. Ich hätte der jungen Frau gerne American Beauty nahegelegt. Ich hätte ihr gesagt, dass sie Angela sei, dass diese sich genauso wie sie in Abhängigkeiten der männlichen Bestätigung begibt, dass sie dies nicht nötig hätte.  Vielleicht hätte ihr das etwas gebracht. Vielleicht würde sie für das nächste Mal auf andere Weise auf sich aufmerksam machen.

Meine Antwort auf die Frage, wonach unsere Generation sucht, fällt erstaunlich simpel aus. Würde ich heute nicht nahe am Wasser gebaut sein, würde es möglicherweise zynisch klingen, aber es ist, wonach auch all die anderen Generationen an Menschen vor und nach uns suchten und suchen werden: Die Liebe. Und dafür gehen viele Menschen komische Wege, sie tun Dinge, die ihnen selber nicht gut tun, sie begeben sich freiwillig in asymmetrische Beziehungen mit ihren Mitmenschen, nur um etwas zu spüren, was sich zumindest für einen Moment wie Liebe anfühlt. Oft verwechselt mit attraction.

Bedächtig betrachte ich die leeren Weingläser in der Küche. Mein Kopf ist voll, mein Herz auch. Draußen lauert nach so viel Ausgelassenheit schon der Ernst des Lebens und aus den Werwolfmenschen der letzten Nächte sind wieder die gewöhnlichen Alltagstiere geworden. Und ich fühle mich rund und vollkommen wie ein Kreis.

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