Lass uns nicht über Liebe reden.

Zwei Frauen sitzen stundenlang in der Küche und sprechen über die Liebe, über die Diversität heutiger Beziehungskonzepte, über Exklusivitätsansprüche, über den Ursprung von Monogamie und über den Unterschied von romantischer Beziehung und Freundschaft und alle Grauzonen dazwischen. Es kommen Fragen auf. Wer oder was entscheidet, was ich für Menschen empfinde und weshalb muss man das Verhältnis, das ich mit einer anderen Person habe, immer einer Kategorie zuordnen? Ja, und so sitzen sie da und trinken und plaudern und die Stunden vergehen, ihre Mitmenschen verdrehen die Augen ugentlemen_prefer_blondes_movie_trailer_screenshot_17nd fragen sich: Sind die eigentlich noch ganz dicht, diese Frauen mit ihren Erste-Welt-Problemen?

Gibt es eigentlich etwas, was anstrengender und herausfordernder ist, als Zeit mit zwei Frauen* zu verbringen, die in ständigem Austausch über die Fragwürdigkeit sozialer Konstruktionen, wie beispielsweise das monogame Beziehungskonzept, unserer mehr oder weniger säkularisierten, fortschrittlichen  Wohlstandsgesellschaft stehen?

Ein Wadenkrampf? Eine Kloschüssel zu säubern? Kindern erklären, was es  mit dem Tod Jesu und den Ostereiern auf sich hat? In der Pubertät die Eltern beim Sex zu erwischen? Diskjockeys von Ü40-Partys in einer Mitfahrgelegenheit kennenlernen und Details über ihre neue Partyplaylist zu erfahren? Schnupfen und Magen-Darm gleichzeitig? Vielleicht ist für so manche*n ja in etwa genauso nervtötend, zwei Mütter dabei zu belauschen, wie sie sich ihre Rückbildungs- und richtiges-Abstillen-für-Dummies-Tipps verraten? Vielleicht sind es auch frustrierte Singles, denen man beim Sprechen über Online-Datingeskapaden, frustrierte Romantikfilmabende mit Eimern voller Schokoladeneiskrem und zu viel nach Plastik stinkende Sextoys beiwohnen muss. Oder aber vielleicht auch vergleichbar damit, alten Omis im Bus dabei zuhören zu müssen, wie sie sich gegenseitig damit auftrumpfen, wer die meisten Krampfadern und Krankheiten hat und die wenigsten noch intakten Geschmacksnerven oder noch lebenden gleichaltrigen Bekannten?

Dieses elendige Reden über die Liebe. Das muss einem doch früher oder später mal zum Halse heraushängen, oder?

Aber, und jetzt kommt’s: Ich kenne etwas, was diese quälende Endlos-Laberei über alternative Beziehungsmodelle toppt: Ja.

Es sind Menschen, die sich ständig darüber aufregen, dass manche diese Modelle hinterfragen und anstatt sich in der vermeintlichen Sicherheit von sozial gewachsenen und entwicklungshemmenden Beziehungsnormen zu wähnen, lieber den offenen Diskurs über scheinbar natürliche Beziehungskonstrukte forcieren.

Quelle: giphy.com

So etwas nennt man spätestens seit der Descartes’schen Erkenntnis des Seins durch die profane Fähigkeit des Denkens „Aufklärung“ oder und in Anbetracht der von uns selber behaupteten Entzauberung des christlichen Glaubens Mündigkeit und infolgedessen müssten wir doch eigentlich neben dem Essen, Trinken, Schlafen und Ficken nichts anderes machen, als Denken und Diskutieren oder? Denn gemeinsames Denken und Diskutieren über die Welt und unsere Gesellschaft darin erscheint – im historischen Rückblick – bisweilen doch eine recht gewinnbringende, menschliche Vorgehensweise, um einerseits seine bürgerlichen Rechte für sich zu nutzen und andererseits sozialen Wandel für ein gutes Leben zuzulassen. Oder liege ich da ganz falsch?

Warum sollte ich schweigen, wenn ich in meiner Freundin eine Gesprächspartnerin gefunden habe, deren Nackenhaare sich ebenfalls aufstellen, wenn sie an das Regelwerk der monogamen Paarbeziehung zwischen Mann und Frau und überhaupt an sämtliche Regelwerke des Sozialen denkt?

Denn im Grunde ist die Frage nach dem für einen selber richtigen Beziehungskonzept eben auch nur eine von vielen, die sich aus unserer vielleicht anthropologischen Grundveranlagung des Drangs nach Erkenntnis und nach der Wirklichkeit ergeben. Wer bin ich? Wer bist du? Wo sind wird? Wo gehen wir hin? Was will ich? Was wollen und sollen wir? Sind wir Tiere? Was ist Glück? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Werde ich wiedergeboren? Gibt es im Jenseits Früchtetee? Solche Sachen eben.

Ja, ich bin eine dieser zwei Frauen, die regelmäßig darüber nachdenkt und es praktiziert dann und wann auch offen darüber zu sprechen. Mal mehr, mal weniger konzentriert, denn ja, ich habe auch andere (Luxus-) Alltagsprobleme, wie beispielsweise, die Fragen, welche Angebote heute der Supermarkt für mich bietet, wieso man eigentlich Müll trennt oder weshalb Marco Reus derzeitig aus dem Fußball ausgeschieden ist. Kurzum:

Wer über Liebe spricht, spricht über Leben.

Und neben Wettkampfergebnissen, Wetter und neuen Gruselgeschichten von Donald Trump macht Liebe doch schon einen ganz maßgeblichen Anteil im Leben aus, oder?

Klar, ich muss jetzt nicht die Vorzüge verschiedener Beziehungskonzepte durchdeklinieren, zumal ich vermute, dass es zwar sinnvoll ist, viel darüber zu lesen und zu reden, aber letzten Endes muss man gewisse Dinge einfach fühlen, sprich learning by doing.

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Quelle: giphy.com

Jede Beziehung hat ihre eigene Dynamik, was mitunter von sozialen, kulturellen Umständen sowie biografischen und auch physischen Faktoren beeinflusst ist. Diese spezifische situative Rahmung einer Relation zwischen Menschen (ob es nun zwei oder mehrere sind) ist so verflüssigt, dass man m.E. mit einer sich ausruhenden Haltung diese Dynamik zum Stillstand bringen, also versteinern, würde. Dies wiederum wäre für beide oder alle Beteiligte eigentlich so gesehen der Beziehungskiller schlechthin.

Neben meinen stundenlangen Gesprächen mit D. über diese Thematik, tausche ich darüber hinaus seit Tagen Nachrichten mit meiner Freundin A. aus, die selber seit einigen Jahren in einer monogamen Beziehung  mit M. lebt. In meiner kurzen Zeit als Mitglied einer Paarbeziehung stellt sich trotz Verliebtseingefühl und dem ganzen Programm trotzdem die Frage:

Wie will ich leben?

A.s Erzählungen aus eigenen Erfahrungen stiften Orientierung im Durcheinander der Gefühle und Gedanken, also des Dualismus zwischen Herz und Hirn. Einerseits ist der Gedanke an das eigene Bedürfnis nach Selbstentfaltung, Freiheit und Abenteuer ein Pro-Argument für eine nicht unbedingt polyamouröse, aber mitunter nicht-monogame Beziehung, mal davon abgesehen, dass der Partner dem auch zustimmen müsste. Andererseits aber kommt da das Herz ins Spiel und ich male mir zwei Szenarien aus:

  1. Ich treffe auf wirklich abenteuerlich schicksalhafte Weise auf einer Reise nach Hamburg T., einen früheren Mann, wieder, für den ich einmal sehr viel empfunden habe, als wir vor vier Jahren eine kurze, geistig und körperlich sehr intensive Zeit zusammen verbrachten. Den habe ich nie vergessen. Am Abend unseres zufälligen Wiedersehens ist sie wieder da: Die Magie von damals vor vier Jahren. Ich fühle mich zurückversetzt und wir berühren uns, es knistert. Das hat wirklich nichts mit meinem heutigen Leben, das ich in Magdeburg führe, zu tun. Es ist ein Stück meiner Geschichte, meiner Biografie. Ein stückweit werde ich in diesem Moment romantisch, nostalgisch. Ich glaube felsenfest, wir beide würden in einem kontextlosen Vakuum einander erneut verfallen. Das kann sein. Es ist eine Fantastie. Ein Gedanke. Allein dieser Gedanke ist selbstverständlich kein Anlass (für mich) nun eine offene Beziehung zu leben. Manche würden möglicherweise diesen Gedanken als Indiz dafür werten, dass man das in Monogamie angelegte Ideal der „wahren“ Liebe an dieser Stelle wirklich in Frage stellen müsse. Aber was ist denn schon Liebe im weiteren Sinne? Und wo fängt sie an? Für mich ist der Gedanke allein reizvoll, er reicht mir. Ich entscheide mich bewusst dazu, dass es ein Gedanke, eine Fantasie bleibt an diesem Abend und T. sieht das ähnlich, auch wenn ein Gedanke zum Handeln anregt. Spannend.
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    Szene aus Fleabag | Quelle: giphy.com

    Wir beide sind in einer Beziehung und wir beide werden plötzlich mit den selbstkonstruierten Grenzen der Monogamie konfrontiert. Einfach so, von jetzt auf gleich, was ich ziemlich überrumpelnd, aber eben auch abenteuerlich und anregend finde. Ich kehre dankbar und belebt, ja fast mit einem Gefühl des Neu-Seins zurück in mein „richtiges“ Leben und freue mich über eine intensive Zeit mit N.

  2. N. fährt für ein Wochenende zu Freundinnen nach Berlin und erzählt mir nach seiner Rückkehr von der ausgelassenen, feuchtfröhlichen, für ihn ebenfalls anregend abenteuerlichen Zeit. Ich stelle mir vor, er habe dort eine Frau getroffen, die er vielleicht von früher kennt. Er würde sagen, dass es – ähnlich wie bei T. und mir – wie damals geknistert hätte und dass er sich ausgemalt hätte, wie es wäre, wenn. Meine größte Sorge wäre natürlich, was genau dieses wenn beinhaltet. Ist es einzig Sex, oder möglicherweise gar mehr, also das spezifische Zwischenmenschliche zwischen ihnen beiden? Da klingelt die Eifersucht und ja, Eifersucht erkläre ich mir als Resultat eines Minderwertigkeitsgefühls ihrer*s Trägers*in. Und doch, dieses Gefühl ist ja da, auch wenn der Verstand mir sagt: Wie unsinnig. Ja, Herz und Hirn, nicht wahr?

Erich Fromm schreibt in Die Kunst des Liebens, erst wenn man den*die andere*n nicht in Besitz nehmen will, wäre man im Sein. Andernfalls kopiere man einfach inkorporierte Strukturmerkmale des kapitalistischen Systems und versuche den*die andere*n zu haben. Ich finde es anmaßend, Besitzansprüche an N. zu stellen und doch erscheint mir die temporäre Empfindung von Eifersucht, mit der ich so alleine bin in dieser Zweierbeziehung, als ein Symptom der einverleibten kapitalistischen Philosophie, oder sagen wir eher Denkweise. Der Punkt, an dem Denken zu Leben wird. Vielleicht ist es meine grundlegende, vom Herzen ausstrahlende Auflehnung gegen jegliche Form der Disziplinierung des Sozialen, wie es beispielsweise an Kategorien wie Alter, Geschlecht, Krankheit, Arbeit (danke, M.!) und eben an der monogamen Zweierbeziehung abzulesen ist.

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Szene aus Love and other Drugs | Quelle: giphy.com

Alleine vor diesem Hintergrund kann ich die ablehnende Reaktion derjenigen nicht nachvollziehen, die uns zwei Frauen in der Küche unterhaltend antreffen. „Ohman, habt ihr auch mal ein anderes Thema?“ Ich habe länger darüber nachgedacht, weshalb ich diese Frage akzeptiere, aber ich ihr emotional nicht folgen kann, mal davon abgesehen, dass ich mich ja auch nicht darüber echauffiere, dass Menschen sich über Sport, das Wetter und die neusten Angebote bei Rewe unterhalten. Vielleicht sollten Frauen in den Augen dieser Menschen klischeehaft stereotyp über Make-Up und Shopping sprechen? Jaja. Und dann wäre das anders nervtötend. Keine Ahnung, es wäre jetzt eine Unterstellung. Aber wahrlich, einiges davon mache ich wirklich selber manchmal, so zwischen Gesprächen über die Liebe.

Denn Liebe gehört zum Leben, wenn sie dieses nicht sogar ausmacht.

Wenn derjenige*, der die Augen verdreht, nun lieber einen Wadenkrampf erleiden oder eine Kloschüssel putzen oder alten Omis beim Gespräch über alterstypische chronische Erkrankungen zuhören mag, dann soll er das tun. Was genau hinter der Ablehnung unseres Themas steht, kann ich nicht beurteilen, aber ich möchte mich in meiner geistigen Freiheit, für die ich in meiner privilegierten Lebenssituation sehr dankbar bin, nicht limitieren lassen. Jede*r soll über alles reden können, wenn er*sie damit keinen anderen Menschen diskriminiert, verletzt oder umbringt. Das klingt vielleicht nach einer Ableitung der goldenen Regel Jesu (die Ostereier-Frage bleibt an dieser Stelle jedoch ungeklärt, liebe Kinder), oder einer in Rage zusammengeschusterten persönlichen Handlungsmaxime, um mich abzureagieren. Die eigene Meinung zu sagen und zu diskutieren, ist allerdings ein für uns oft selbstverständliches, aber selten reflektiertes und geschätztes Gut. Gerade deshalb und als Zeichen, sich dem (geistigen) Stillstand zu entziehen, müssen diejenigen wohl oder übel weiterhin damit leben, dass wir zwei Frauen stundenlang in der Küche sitzen und über Liebe reden.

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Quelle: giphy.com

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