Wir müssen reden.

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Nun ist es wieder soweit: Deutschland sucht die Bundesregierung. Und auch in diesem Wahldurchlauf wird es keine großen Sprünge geben. Aus alt mach neu sozusagen und die Medien können sich dann endlich wieder auf ihr Alltagsgeschäft, der negativen Inszenierung von Weltereignissen, konzentrieren. Achja und dem Wetter und der Sportberichterstattung, ganz klar. Aber bis dahin wird es noch einmal intensiv diskursiv, sollte man meinen, wenn man sich mal so umschaut. Denn auf den Flächen, wo sonst die Werbung vom sexistischen Bäcker Beims, von lieferando oder dem MVG wuchert, blicken uns die potenziellen Superstars der Politik von morgen entgegen.

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Da sehen wir beispielsweise einen Herrn Lindner, der noch einmal aufs Neue sein CK-Modelpotenzial unter Beweis stellt oder Herrn Schulz‘ Antlitz, das im Kontrast dazu in der Banalität der Plakatfloskelei verschwimmt und allem voran Frau Merkels nüchternes Gesicht, das für die Christdemokraten offensichtlich ausreicht, um das eigene Parteianliegen zu repräsentieren. Stimmt schon, diese Mundwinkel sprechen Bände. Da braucht es eigentlich keine besonders originellen Statements. Nun gut, es ist abzusehen, wann wir sie endlich wieder los sind, denn bereits in knapp vier Tagen spricht keine Menschenseele mehr von Politik; alle gehen ihrem Alltag nach, kommen nach Hause, regen sich auf und am nächsten Tag das Gleiche wieder von vorn; die Welt dreht sich weiter. Der vermeintlich geöffnete politische Diskurs schließt sich wieder und alle empfangen seine Botschaften wie immer nur nach krisenhaften Ereignissen oder weil sie auf die Sportberichterstattung warten und der andere Teil des Berichterstattungsmediums eher zufälliges Anhängsel ist. Dabei gibt es doch so viele Fragen zu Dingen, die wir bereden sollten. Zum Beispiel wie wir in Zukunft zusammen und miteinander leben wollen, so als Gesellschaft. Gibt es da denn irgendeine realitätskompatible Vision?

Ich habe heute leider keinen Rührstab für dich.

Ich sitze in einem Café in der Bochumer Innenstadt, meiner alten Heimat, mit zwei männlichen Bekannten, beide Kinder der 70er, beide Künstler, beide kreativ denkender als das Gros. Okay, vielleicht auch distinktiver und selbstverliebter als das Gros. Aber dafür auch vielseitig empfänglich für politischen Stammtischplausch. Nach üblichem Smalltalk geht es plötzlich um die Bundestagswahl, die wählbaren, die nicht wählbaren und um die neuen Parteien, wie Demokratie in Bewegung, über die für zumindest einen von uns utopische Vorstellung einer Gesellschaft mit direktdemokratischem politischen Einfluss und schlussendlich geht es um das Grundeinkommen. Die übliche Gegenthese, dass Menschen faul auf dem Sofa liegen bleiben würden, steht im Raum. Der Schlüssel zum Untergang unserer Kultur läge im Bildungssystem. Da müsse als erstes angesetzt werden, nicht aber bei den schon „abgehängten“ älteren Generationen, die sind sowieso zum Untergang geweiht. Später sprechen wir über Elektroautos, künstliches Fleisch und über Robotik in der Pflege, deren Entwicklung ursprünglich eigentlich unter militärischen Gesichtspunkten vorangetrieben worden sei. So zumindest die kühne Annahme von einem von uns.

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Nach einem durchwachsenden  verschwörungstheoretischen Schlagabtausch treffen unsere Ansichten wieder zusammen, wenn es um Sachen Gerechtigkeit, Mündigkeit, Frieden und allem voran Fremdenangst, die schlussendlich in Fremdenhass umschlagen kann, geht. Ich bin geneigt, dieses Kaffeehausgespräch auszuweiten. Sowohl zeitlich als auch personell. Doch die Kapazitäten und Nerven sind begrenzt, merke ich. Und in einer Woche erst recht. Wir brechen auf und reden wieder über Übergangsjacken einer bekannten Modekette, die Kinder aus Bangladesch ausbeutet, darüber ob man bei den morgendlichen Temperaturen auf dem Fahrrad nun schon Handschuhe tragen muss und wie sich die Wege der Geldwäsche in den Dönerläden der Innenstadt ausdifferenziert haben müssen.  Dabei gehören meines Erachtens gesellschaftspolitische Diskussionen nicht in einen exklusiven Kreis halbwegs akademisierter Kreativköpfe an einem eloquent gestimmten Samstagmorgen, an deren Nachbartisch Fairtrade-Milchkaffee von gegelten mittelalten Herren in Ralph-Lauren-Pullundern geschlürft wird, nein, diese Diskussionen gehören in die Breite der Gesellschaft, da wo Kevin und Chantal oder Ronny und Mandy sich treffen.

Auch mit den distinguierten alten Männern sollte man reden

Zurück im schönen Sachsen-Anhalt wird mir auf der Bahnfahrt bei Musik der Doors erneut bewusst, dass es auf den Tag genau eine Woche hin ist bis zur Bundestagswahl und am Bahnhof angekommen, werde ich Zeugin einer durchaus politischen Situation. Wartend auf die Straßenbahn blicke ich schier geistesgegenwärtig auf die Anzeigentafel, während neben mir eine gepflegte ältere Dame in adretter Kleidung und mit geschmackvollem Make-up auf der Wartebank Platz nimmt. Nichtsahnend blicke ich weiter auf die Anzeigentafel und wippe ungeduldig mit meinem Fuß. Im gleichen Augenblick nähert sich der Haltestelle eine dunkelhaarige, jüngere Frau. Vor ihrer Brust trägt sie ein in Klarsichtfolie versiegeltes Blatt Papier mit einer Aufschrift. Plötzlich steht sie der älteren Dame gegenüber und faselt etwas Unverständliches auf sie herab. Die sitzende Dame scheint irritiert, zuckt mit den Schultern, bis offensichtlich der Groschen fällt: Eine um Almosen bittende Frau. Na ist es denn die Möglichkeit? Voller Empörung entgegnet die Ältere: „Ich denke, dass dit Betteln doch wohl in Deutschland verboten is! Wissen Se dit denn nüsch? Betteln verboten in Deutschland! Merken Se sich dit!“ Die junge Frau steuert ohne groß eine Miene zu verziehen die nächste Person an, die ebenfalls ablehnend reagiert. Was auf ihrem Zettel steht, konnte ich leider nicht lesen. Vielleicht war es die Bitte um Geld, vielleicht auch nur um Essen und Trinken oder nach der Uhrzeit? Jedenfalls verschwindet sie nicht weniger arm, nicht weniger hungrig und möglicherweise zu spät in irgendeiner Nebenstraße und die ältere Dame hat ihre Ruhe.

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AfD am Alten Markt | Magdeburg

Und am dunklen Horizont steht ein Wahlwerbestand der AfD

Mich erstaunt die Feindseligkeit der älteren Dame. Natürlich ist das völlig kontextlose Auftreten der jungen Frau im öffentlichen Raum eine im allgemeinen Sinne soziale Irritation, auf die auch ich möglicherweise keinen konstruktiven Reaktionsstil parat gehabt hätte. Aber gleich mit dem Vorhalten eines Verstoßes gegen das Gesetz zu kommen, nur weil sie sich selber – als Privatperson – belästigt gefühlt hat, ist ein unkontrollierter verbaler Schnellschuss und grenzt schon fast an einem Akt falscher Verdächtigung (§ 164 StGB). Ich finde es erstaunlich, dass die Dame tatsächlich der Meinung ist, dass Betteln in Deutschland eine Straftat sein soll. Nach § 118 des Bundesgesetzes über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) ist Betteln erst dann als Ordnungswidrigkeit einzustufen, wenn eine Person „eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen“. Dies gilt auch für das Landesrecht Sachsen-Anhalts (s. SOG LSA). Die junge Frau war weder ungehörig, noch hat sie die Allgemeinheit belästigt, sondern sich lediglich im persönlichen Empfinden der Dame unangenehm verhalten. Das ist alles. Eine distinguierte Dame wollte ihre Ruhe an der Bahnhaltestelle. Da hätte jetzt auch eine Gruppe besoffener Fußballfans, ein kläffender Hund, das Martinshorn eines Rettungswagens oder ein AfD-Wahlwerbeplakat im Weg sein können, das ähnliche Befindlichkeiten bei der Dame ausgelöst hätte. Man weiß es ja nicht. Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie rasch eine derartige Situation solche globalen Äußerungen zu Tage treten lässt. Da muss sich einiges an Wut angestaut haben.

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Ob das eine solche Wutbürgerin ist, frage ich mich. Möglich. Und noch immer steht dieser schwarze Minivan mit dem AfD-Banner an der Flanke auf dem Marktplatz und um die Anzug tragenden Parteiwerbenden herum hat sich eine Gruppe hauptsächlich älterer Menschen versammelt. Ich denke an die Bochumer Kaffeehausdiskussion mit den beiden Künstlern und daran, dass ich mich dafür bekannt habe, miteinander zu sprechen. Ich bleibe stehen und blicke hinüber zu den interessierten, zum größten Teil weißhaarigen Menschen, die offenbar das Gespräch suchen mit den knapp halb so alten, männlichen AfD-Minivan-Fahrern in ihren schwarzen Anzügen. Am liebsten wäre ich hingegangen und hätte sie gefragt: Was ist los mit euch? Stattdessen steige in die Bahn und fahre hier weg und ein bisschen kommt es mir so vor, wie nach der kurzen politischen Diskussion mir den beiden Künstlern im Bochumer Café: Die Kapazitäten und Nerven sind begrenzt.

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Alleine fühle ich mich zu schwach und zu vereinzelt, als dass ich diesem Phänomen die Stirn bieten könnte. Ich fühle mich feige an diesem Nachmittag. Dabei ist es nur noch eine Woche hin bis wir als Gesellschaft ernsthaft zulassen, dass eine Partei, deren Narrative sich lediglich aus Worthülsen und Negationen der anderen zusammensetzen, den Einzug in den Bundestag feiert.

Stellt euch vor, es ist Wahl und alle gehen hin.

Die Menschen haben viel auf dem Herzen. Die Menschen brauchen Raum, um zu diskutieren. Auch wenn sie vielleicht häufig noch nicht oder nicht mehr davon wissen. Deshalb sollte man sie auffordern, man sollte sie einladen zum Sprechen. Ob Polohemdchen, G-Star-Jacke, H&M-Parka oder Woolworth-T-Shirt, Dönerbude oder Drei-Sterne-Restaurant, Veganer*in, Künstler*in, Ost oder West, Grundschüler*in oder Gymnasiast*in, Student*in oder Arbeitslose*r, Glaubende*r oder Nicht-Glaubende*r, Senf oder Ketchup, ist wirklich alles scheißegal. Es geht darum, dass Menschen das Gefühl haben einen Raum zu bekommen. Zum Dasein, zum Gesehenwerden und zum Reden.

Beim Abendbrot erzähle ich meinen Mitbewohner*innen von meinem Erlebnis auf dem Marktplatz. Dass für manche Menschen das Fragen nach der Uhrzeit strafbar ist.  Dass die AfD schicke Minivans fährt und ebenfalls schicke Männer in Anzügen an ihre Wahlwerbestände stellt. Ich echauffiere mich darüber, dass insbesondere das Distinktionsbedürfnis des bildungsbürgerlichen Milieus einen in jeglicher Hinsicht übergreifenden gesellschaftlichen Dialog verhindert und dass all diese Dinge binnen einer Woche sicherlich nicht wandelbar sein werden, egal was in der Zeit noch so Großes passieren sollte. Die drei blicken mich an und wir alle denken das Gleiche, doch keine*r möchte sprechen. Die Kapazitäten und Nerven sind begrenzt. „Wer rastet, der rostet“, sagt A. plötzlich und schenkt uns ein Glas Wein ein. Am Horizont versinkt blutrot, wie fast jeden Abend hier in unserer kleinen heilen Welt die Sonne hinter den ungleichgroßen Häuserdächern der Stadt.

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