Von Pfoten und Quoten. Ein Leben nach der Wahl.

 

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Die Menschen in Deutschland haben gewählt. Und was kam dabei heraus? Die AfD ist im Bundestag. Aber: Wie konnte das passieren? Für viele vielleicht weniger überraschend, doch irgendwie habe ich mir das zuvor nicht ausgemalt und jetzt, jetzt ist der Fall eingetreten und was daraus nun folgt, werden wir nunmehr erleben. Aber sollten wir nicht eigentlich vielmehr darüber sprechen?

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In der Nacht von Sonntag auf Montag liege ich wach, mich lässt es nicht los; ich frage mich: Wer hat die AfD gewählt? Wo seid ihr, AfD-Wähler*innen? Und was sind eure Beweggründe? Ich lese um fünf Uhr morgens im Bett auf dem kleinen Handydisplay unter meiner Bettdecke das komplette Wahlprogramm der AfD und bin völlig schockiert. Und zeitgleich denke ich: Wieso habe ich das nicht schon viel früher getan?

Zu spät ist auch ein Zeitpunkt, um anzufangen etwas zu tun

In Deutschland gibt es einen Rechtsruck, heißt es in den Medien. Schon seit einer ganzen Weile. Wie Dr. Alice Weidel im ZDF-Spezial Deutschland hat gewählt (25.09.2017) korrekt angesprochen hat, sei die Debatte um einen Rechtstrend in der Politik auch eine Konstruktion der Medien. Und doch – ganz offenkundig – auch ein propagandistisches Sprungbrett für die parteiliche Kommunikationsstrategie der AfD. In diesem Feld haben Linguisten* mit Sicherheit ein passendes Spielfeld gefunden, um sich analytisch auszulassen.

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In Anbetracht der größtenteils recht inhaltslosen Artikulations- und Argumentationsmuster der Parteirepräsentant*innen der AfD im öffentlichen Raum erscheint das positive Feedback der Bevölkerung, das sich in erster Linie an dem Ergebnis zur Bundestagswahl festmachen lässt, meines Erachtens völlig absurd. Und immer wieder bringt mich gerade dies zu der Frage zurück: Was bewegt Menschen dazu, dieser Partei ihre Stimme zu schenken? Fakt ist, dass es nicht die Hundekrawatte eines Herrn Gaulands gewesen ist, die die Wähler*innen überzeugte, auch wenn ich nun den Hundehalter*innen unter ihnen möglicherweise Unrecht tue. Jüngst setzte sich der Soziologe Holger Lengfeld mit diesem Phänomen auseinander. In seiner Untersuchung prüft er eine dominante These, es handele sich bei AfD-Wähler*innen möglicherweise um Modernisierungsverlierer*innen. In seinem Fazit stellt er klar, dass sozioökonomische Gesichtspunkte wie beispielsweise die soziale Lage nicht ausschlaggebend für den Wähler*innenentscheid und letztlich für den Wahlerfolg der AfD zu sein scheinen. Je mehr ich mich in diese Materie reinbegebe und nach Antworten auf meine Frage suche, desto komplexer tut sich ein komplexes Universum an Widersprüchlichkeiten auf, das ich nur schwer zu überblicken im Stande bin. Jene Widersprüchlichkeiten finde ich auch im Wahlprogramm der AfD wieder.

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Da hätten wir eine sehr konservativ-wirtschaftsliberale Position mit einer klaren Befürwortung, einerseits den Sozialstaat zu verschlanken, umzustrukturieren und öffentliche Gelder anders zu verlagern oder wegzustreichen und andererseits mit einem neuen Kulturbegriff, den es gilt nachfolgend genauer zu betrachten.

Die AfD, dein Freund* und Helfer*?

In Bezug auf die ältere Bevölkerung ist folgender Auszug aus dem Programm interessant, in dem ein Zusammenhang zwischen Renten- und Migrationspolitik konstruiert wird.

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So soll der aktuellen Migrationspolitik zugunsten der Rentenpolitik ein Riegel vorgeschoben werden, um die „jährlichen Milliardenbeträge, mit steigender Tendenz für die Zukunft, […] in die Stabilisierung der Alterssicherung der deutschen Bevölkerung […]“ umzulenken. Naja, wenn es sonst keine Bereiche gibt, in denen man Ausgaben im Sinne der Allgemeinheit umdisponieren kann… Diese Kürzungen, so schlägt die AfD vor, solle einhergehen mit erhöhten „staatlichen Transferzahlungen aus allgemeinen Steuermitteln an die Rentenversicherung, […] um die Beiträge der arbeitenden Menschen in erträglichen Grenzen zu halten“ und darüber hinaus das Dazuverdienen im Rentenalter „ohne Einschränkung ihrer Rentenbezüge“ möglich zu machen.  Demzufolge ist eine Begrenzung der Lebensarbeitszeit von bis maximal 45 Jahre eine Farce und eine arbeitsfreie Zeit im Alter im arbeits- und rentenpolitischen System der AfD von vornherein überhaupt nicht angelegt (S.57). Ist das der Ansatz zur Bekämpfung von Altersarmut? Interessant ist auch folgender arbeitspolitischer Programmpunkt „Die AfD fordert […] eine gesetzliche Obergrenze von 15 Prozent Beschäftigten mit Leih- oder Werkverträgen in Unternehmen […]“ (S.52), wohingegen sich die Partei für die Gleichheit vor dem Gesetz einsetze und gegen Quotenregelungen ausspricht (S.12). Diese Positionierung erscheint doch stark inkonsequent.

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Wonach entscheidet sich das Gleichheitsmaß der AfD? Sowohl die berufliche Position als auch das Geschlecht sind beide entscheidende Stellschrauben in dem Zustandekommen von Abgrenzungs- und Ungleichheitsdynamiken. Und folgt man dem Geschriebenen der AfD erscheinen in einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Rechte haben, Quotenregelungen als überflüssiger Zierrat. Dies gilt selbstverständlich auch für die Arbeitswelt, sollte man zumindest meinen.

Auch Senior*innen sind billige Arbeitskräfte

Der fragwürdige Gleichheitsbegriff der AfD lässt sich weiter nachzeichnen, wenn man auf die Abkehr von sozialer Heterogenität blickt, die die Partei ebenfalls in ihrem Programm operationalisiert. Für mich und viele andere heißt die Abkehr von kultureller Vielfalt ein Einschnitt in die kulturelle Identität unserer Gesellschaft. Es ist beispielsweise die Rede von einer „Ideologie des Multikulturalismus“, die alle gefährden würde.

Kultur hat aber doch viele Gesichter

So heißt es im Wahlprogramm „Kultur ist nur als etwas wechselbezügliches Ganzes von Gesellschaften zu verstehen. „Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur oder Parallelität von Kulturen und damit Ausdruck von Parallelgesellschaften, die stets zu innenpolitischen Konflikten und zur Funktionsunfähigkeit von Staaten führen. […] Die AfD wird nicht zulassen, dass Deutschland aus falsch verstandener Toleranz sein kulturelles Gesicht verliert.“ (S.47). Die Gesicht-Metapher erinnert hier an eine leblose Fassade. Kultur als etwas einseitiges zu beschreiben, ist völlig unzeitgemäß. Kultur ist Gesellschaft und beides sind dynamische Gebilde, die nicht aus sich selbst heraus, sondern aus dem Einfluss von vielen äußeren Einflüssen weiterentwickelt. Das starre und geschlossene Kultur-Verständnis der AfD erscheint eher als Abkehr von der Moderne und einer demokratisch geprägten Weiterentwicklung der Gesellschaft.

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Ich könnte noch tausende Zitate anführen und diskutieren, aber das brächte mich nicht weiter bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Wer hat euch gewählt? In der Auseinandersetzung mit dem tatsächlich völlig inhomogenen Wahlprogramm der AfD nehme ich an, es mit dem Artefakt kumulierter Argumentationsstränge verschiedener Interessensgruppen zu tun zu haben, für die diese Partei als Auffangbecken dient und in dem nun deren Positionen wie verschiedene Essenzen versucht worden sind zu einem einheitlichen Gebräu zusammenzugießen. Und was kommt dabei heraus? Ja. Eine markante Hundekrawatte – sicherlich eine Frage des Geschmacks, zugegeben. Und ein programmatischer Brei, der nicht Fisch noch Fleisch ist, sondern davon lebt, dass er mit den feinsten rhetorischen Kniffen bemüht ist irgendein Geschmäckle auf dem Gaumen zu hinterlassen. Egal ob zu bitter, zu süß, zu salzig, zu scharf oder einfach ungenießbar.

Zu viele Köche ertrinken im Brei

Schnell kursieren erste Theorien in den Medien über den Erfolg der AfD insbesondere in den ostdeutschen Ländern. Keine*r will es gewesen sein, man sucht nach einer einfachen Erklärung. Auf einer wissenschaftlichen Fachtagung, an der selbstverständlich nur die scientific community der Disziplin zusammenfindet, äußert eine Wissenschaftlerin im Rahmen einer Diskussion im Anschluss an einen Vortrag eines Gerontologen der BTU Cottbus über die Wahrnehmung des Scheiterns bei der ostdeutschen Generation 65+ eine vielleicht zwischenzeitlich gängige These, es handele sich bei den AfD-Wähler*innen um die homogene Gruppe von prekären, in erster Linie älterer Menschen aus den ostdeutschen Bundesländern. Sie hätten im Zuge der Wendejahre und der sozialen Auswirkungen der demografischen Entwicklung insbesondere in strukturschwachen Regionen als sogenannte sozial Abgehängte viele Frustrationserfahrungen gesammelt, die sich nun im Wahlverhalten reflektierten. Ich denke an die älteren Menschen, die ich in meinen zwei Jahren hier in Magdeburg kennenlernen durfte und möchte der Dame am allerliebsten ihre westdeutsche Arroganz unter die Nase reiben. Diese Erklärung erscheint mir zu einfach, spielt sie vor allem auf die Idee der Generationensolidarität an. Ausgangspunkt ist die Vorstellung einer klaren gesellschaftlichen Ordnung, wie sie auch dem Wahlprogramm der AfD zugrunde liegt und deshalb nicht weniger die Realität einer hochkomplexen Gesellschaft verfehlt.

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Quelle: infratest dimap | 2017

Folge ich den deskriptiven Informationen von infratest dimap zur Wähler*innengruppe der AfD, sind es insbesondere 35-59 jährige, durchschnittlich bis besserverdienende Männer, die die meisten Stimmanteile auf Bundesebene ausmachen. Weiteres erfährt man über die Geschlechterveteilung. Die Erklärung der besagten, wohlbemerkt westdeutschen Wissenschaftlerin auf der Tagung scheint damit weitestgehend falsifiziert. Kurzum: Die AfD ist kein ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen, mit dem sich insbesondere die Wissenschaft befassen sollte und muss.

Und Schuld sind wie immer die Männer

Meinen Mitmenschen etwas misstrauisch gegenüber verbringe ich die erste Woche nach der Wahl damit, mich mit meinen Freund*innen und meiner Familie über die Situation zu unterhalten. Ich sehe, dass die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß doch genauer betrachtet werden müssen, um das zu verstehen, was in unserer Gesellschaft los ist, womit ich nicht bloß auf das Erstarken der AfD anspiele. Für viele soziale Phänomene war und ist unsereins vielleicht völlig blind. Deshalb wäre es wichtig, genauer hinzusehen und offen darüber zu sprechen. Stattdessen sehe ich, wie Kolleg*innen und Mitforschende bloß nüchtern lächeln, sobald ich in der Kaffeepause oder auf dem Kongress von dem Thema anfange.

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Black Swan (2010) | Quelle: giphy.com

Das ist anscheinend auch nur wieder eine von vielen Gesichtern der etablierten „Tja, so ist das nun einmal“-Haltung, die übrigens im Gegensatz zu dem vermeintlichen Rechtsruck eher wenig medial und allerhöchstens mit dem Schlagwort „Nichtwähler“ oder der sogenannten „Politikverdrossenheit“ aufgegriffen wird. Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage, wer was wie wählt und warum, ja auch ganz einfach vor uns und wir können sie nicht sehen, weil da ein blinder Fleck auf unserer übergroßen Privilegiertenbrille klafft. Vielleicht sind die AfD-Wähler*innen gar nicht mal so fern, wie ich annehme, vielleicht sind sie einige meiner Nachbar*innen, meiner Kolleg*innen, ja gar meiner Freund*innen? Die Plattform Facebook, die als eines der zentralen Medien für gezielte Wahlwerbung von der AfD eingesetzt wurde, hat kürzlich einen Dienst eingerichtet, der User*innen anzeigt, wer aus der eigenen Freundesliste AfD-Inhalte befürwortet. So löschen viele konsequente Anwender*innen diese als AfD-Befürworter*innen geoutete bzw. enttarnte User*innen aus ihrer Freundesliste, statt mit ihnen über ihre Haltung zu reden und über gesellschaftsrelevante Themen zu diskutieren. Das ist selbstverständlich moralisch gesehen nicht besser als das „Tja, so ist das nun einmal“-Lächeln von Kolleg*innen, Wissenschaftler*innen und anderen Mitmenschen. Man kann es – jetzt weniger verureilend gemeint – feige, ja, schier ignorant nennen und es stellt sich die weitere Frage: Haltung, wo fängt diese an und wo hört sie auf? Beim Wahlentscheid?

Schuld sind nicht die Hundehalter*innen oder Krawattenträger*

Die meisten vorschnellen Erklärungsansätze zum Wahlerfolg der AfD und zur Charakterisierung der AfD-Wähler*innen klingen eher wie aus der Not geborene pseudoempirisch fundierte Theorien, die nicht unbedingt förderlich sind, um eine klare Antwort auf die Frage, wer eigentlich die AfD-Wähler*innen sind, zu erhalten. Vielleicht sollte man zur Beantwortung der Frage die deutschen Hundehalter*innen einer kritischen Charakterstudie unterziehen?

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Quelle: pixabay.com

Vielleicht sollten wir aber auch einfach vermeiden, krampfhaft nach Plausibilität und Transparenz zu suchen und waghalsige Theorien über die unsichtbare Gruppe der AfD-Wähler*innen, zu der ja eben keine*r von uns zählen will, zu konstruieren. Es gibt nicht den einen oder die eine pauschale Wähler*in, genauso wenig, wie es den*die eine*n  Hundehalter*in, den*die eine*n Schlipsträger*in oder primär Menschen gibt, schon gar nicht in Zeiten einer multikulturellen Gesellschaft. Würden wir davon ausgehen, wären wir nicht cleverer. Es gibt de facto keine bestimmte soziale Gruppe, die „Schuld“ daran ist und die Suche nach einem passenden Sündenbock ist ein sozialpsychologisch leicht zu entlarvender Mechanismus. Und wir, die wir meinen aus einer anderen, möglicherweise erhabeneren Perspektive auf die AfD-Wähler*innen zu blicken, verkennen die Tatsache, dass wir uns entweder in einer akademischen Blase bewegen und/oder diejenigen in unserem engeren oder entfernteren sozialen Umfeld nicht als die wahrnehmen, die sie möglicherweise sind: AfD-Wähler*innen. Im Zweifelsfall hilft nachfragen und reden, denn das ist gelebte Demokratie, nicht in unseren Köpfen, nicht im Fernsehen und nicht bei Facebook, sondern hier, in der Realität, in unserer Gesellschaft.

 

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