Warme Hände in kalten Zeiten.

Scharf schneidet der Wind mein Gesicht und ich trage mich schnellen Schrittes durch die Eiseskälte in Richtung Bahnhofshalle. Vor dem Eingang tummeln sich die Raucher* und zwei Polizeimänner mit den Händen in ihren Westentaschen. Es ist kalt, zu kalt.

Quelle: giphy.com

Kurz vorm Passieren der Eingangspforte sehe ich eine schwarze Frau im Rollstuhl auf dem Luftschacht stehen. Ihr Rumpf ist eingepackt in eine dicke Daunenjacke und ihr Kopf mit einer Wollmütze bedeckt. Zusammengekauert sitzt sie in ihrem Gefährt, alle Gliedmaßen dicht an ihren Körper gezogen. Ich schätze, das ist ihre Strategie mit der Kälte fertig zu werden. Nur ihre rechte Hand, die einen leeren Kaffeebecher hält, ist weit entfernt von ihrem Körper den Vorbeigehenden entgegengestreckt. Auf ihrem Schoß liegt eine Plastiktüte, die sie wie eine Handtasche oder etwas Größeres wie ein Gepäckstück dicht bei sich trägt. Ist darin etwa ihr ganzes Hab und Gut verstaut? Während auch ich für sie zu einem* von vielen an ihr vorbeigehenden gleichaussehenden Gesichtern werde, sehe ich, dass ihr das linke Bein fehlt. Während also ein leeres Hosenbein eingewickelt unter der Plastiktüte zusammengeknüllt ist, ragt das rechte umhüllt vom schwarzen Synthetikstoff, unter dem sich das Knie abzeichnet, hervor. An ihrem Fuß trägt sie einen beuligen, durchgetretenen Schuh, der von einem breiten Streifen schwarzem Gaffatape an den Stellen, an dem er aufplatzt, zusammengehalten wird. Ich vermute, dass diese Frau auf der Straße lebt. Sie wirkt lethargisch. Fast leblos. Es ist kalt, ja das stimmt. Zu kalt und wir befinden uns im großen, rücksichtslosen Berlin.

Hinsehen und hingehen – wo es dreckig ist

Mit dem grauen Zigarettenrauch verfliegt ganz langsam auch meine Betroffenheit über das Gesehene, denn es ist schon spät, der Zug wird gleich einfahren und wir haben uns noch etwas Schönes vorgenommen für heute Abend. Wir eilen durch die Eingangshalle und sprinten zum Gleis. Auf dem Bahnsteig stolpern wir über ein paar leergefutterte China-Henkelmänner aus Plastik, benutzte Papiertaschentücher und eine Pfütze Erbrochenes hinweg noch ebenso durch die abrupt zufallenden Türen der S-Bahn. Gepolstert sitzen wir nun im Abteil, meine Hand liegt warm in N.s Hand und ich denke: Es ist gut eine Hand zu haben, die einem Wärme, Kraft und Geborgenheit spendet. Gerade an Orten wie diesen.

Während meines Studiums war ich für zwei Monate als Praktikantin im Kreisamt einer Region in NRW eingestellt, wo ich für Außentermine unter anderem auch Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände mit besuchen durfte. Das eine Mal waren wir in einer Einrichtung für wohnungslose Menschen, häufig betroffen von einer oder mehrerer Suchtabhängigkeiten. Frauen und Männer waren getrennt in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht und auf dem Gelände herrschte absolutes Alkohol- und Substanzverbot.

hands

Quelle: unsplash.com

K., meine Praktikumschefin war eine taffe Frau, die kein Blatt vor dem Mund nahm, wenn in ihren Augen etwas gegen die allgemeinen moralischen Gebote verstieß, der Verwaltungshierarchie zum Trotz. Auf der Autofahrt zur Einrichtung berichtete sie am Lenkrad sitzend von einer wohnungslosen Frau, die sie schon einige Jahre begleitete. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, was es eigentlich zu bedeuten hatte, wenn man sich als Frau auf der Straße durchschlägt. Und das auch noch für mehrere Jahrzehnte. „Natürlich hat die auch ganz krasse Missbrauchserfahrungen machen müssen. Deshalb ist die ja auch in den Teufelskreis Alkohol geraten. Denn Alkohol betäubt.“ Das erzählte mir K. so beiläufig, während sie den Dienstwagen rückwärts mühelos in eine sehr enge Parklücke einschiffte. Sie war hart im Nehmen. In ihren zehn Jahren als Abteilungsleiterin im sozialen Bereich hatte sie schon viel erlebt. Und auch viele Fälle wohnungsloser Frauen kennengelernt und begleitet. „Die wurde irgendwann vor Jahrzehnten von ihrem gewalttätigen Ehemann rausgeschmissen und landete dann mit ihren Kindern auf der Straße. Die wurden ihr dann natürlich abgenommen. Das sind dann so krasse Einzelschicksale, bei denen immer alles auf einmal kommt.“ Die heute erwachsenen Kinder hätten keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Diese hatte zwischenzeitlich immer mal wieder in einer der Einrichtungen gewohnt, allerdings nie den Absprung von der Straße hin zu einer eigenen Wohnung geschafft. Stattdessen kehrte sie – gefangen im Drehtüreffekt – immer wieder zurück in die Notunterkunft, von wo aus sie Unterstützung der Sozialarbeiter*innen z.B. bei Behördengängen, Arztbesuchen etc. erhielt.

Girl I Am Strong GIF by Denyse

Quelle: giphy.com

Bedauerlicherweise zahlten sich die gemeinsamen Kämpfe der Frau und ihrer professionellen Helfer*innen nicht aus. Sie kehrte immer wieder zurück auf die Straße, lebte ein Leben ohne Dach über den Kopf, ohne ein Badezimmer, in dem sie sich waschen und ihre Haare zurecht machen konnte, ein Schlafzimmer, in dem sie abends ein Buch lesen, Musik hören, mit einer Freundin telefonieren oder sich einfach in ein warmes Bett zurückziehen konnte. Stattdessen ertrug sie die Schnee- und Regentage, die Feiertage und auch die Tage, an denen ihr sexuelle Übergriffe und andere Gewaltakte unter anderem durch ihre männlichen Saufkumpanen zugestoßen waren (vgl. SoFFI K., 2000, S. 262f). Ein verlorenes Herz, denke ich mir damals nach Hören dieser tragischen Geschichte. Beim Anblick der schwarzen Frau im Rollstuhl an diesem Freitagmorgen im kalten Berlin war mir K.s Erzählung wieder präsent. Ob die Woman of Color vom Bahnhof Lichtenberg ähnlich schlimme Erfahrungen machen musste? Und gab es da jemanden* für sie, irgendwen*, der ihr dieser Tage eine wärmende Hand zu strecken würde?

Stell dir vor es ist kalt. Immer.

Obdachlosigkeit ist ein tabuisiertes Thema in unserer Gesellschaft, schon klar. Generell fragt man sich oft in seiner naiven kleinen heilen Welt, wie es in unserem wohlhabenden Sozialstaat nur so weit kommen kann, dass man plötzlich ohne Wohnung dasteht. Wirft man dann einen Blick auf jene Einzelschicksale, erkennt man auch die kleinen schier unsichtbaren Löcher in unserem Sicherungsnetz. Ich denke an die häufig stark betrunkenen Männer im Sparkassenvorraum am Hasselbachplatz, gegen die nun mit gekürzten Öffnungszeiten der Filiale vorgegangen wird. Egal, ob sie dann da draußen erfrieren oder sich woanders hinlegen, wo es nachts vielleicht etwas warm ist.

Alice In Wonderland Smoking GIF by The Good Films

Quelle: giphy.com

Ob das eine so nachhaltige Maßnahme gegen Vandalismus ist, bezweifle ich. Die wohnungslosen Herren scheinen hier eher als Sündenböcke für andere Drecksspätzlein des nächtlichen Treibens in Magdeburg zu sein. So macht man sich das schön einfach. Und sieht lieber weg, als das Problem ernsthaft anzugehen. Ein bisschen wollen wir alle nichts damit zu tun haben. Eine Stadt wie Berlin hat da allerdings noch ganz andere Herausforderungen zu stämmen. Da sind schlafende, betrunkene Wohnungslose in Sparkassenfilialen oder die Frau, die mit einem leeren Kaffeebecher Kleingeld sammelt am Bahnhof Lichtenberg wirklich nur einige wenige von vielen Schicksalen, die auf ein strukturelles Problem hindeuten.

Ich konnte einen Abschlussbericht eines Projektes des sozialwissenschaftlichen FrauenForschungsinstitutes Freiburg (SoFFI K., 2000) finden, das die Bedarfslagen wohnungsloser Frauen thematisiert. Die Erkenntnisse machen deutlich, dass Frauen, die auf der Straße leben, in besonderer Weise Formen von Gewalt und gesellschaftlicher Degradierung ausgesetzt. Sie müssen sich einerseits in männerdominierten Kontexten, so beispielsweise innerhalb der Straßenszene oder in Notunterkünften, zurechtfinden und das oft ohne erforderliche Schutzmaßnahmen und benötigte psychosoziale Unterstützung. Allmählich entwickeln sie als Einzelkämpferinnen Handlungs- und Überlebensstrategien, um sich gegen Diebstahl, unsichere Lebensumstände, unzuverlässige und problematische Sozialkontakte sowie körperliche Gewalt zu wappnen (vgl. S.261f).

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Wohnungslosigkeit wird gerade von Frauen oft verheimlicht. Und ebensolche Frauen nehmen Unterstützungsangebote nicht in Anspruch. Sie sind unsichtbar im sozialen Raum und bekommen in doppelter Weise Ungleichheitsmechanismen in unserer Gesellschaft zu spüren, weil sie 1. ohne Job und ohne eigene Wohnung und 2. eine Frau sind (vgl. S.151f).

Ist doch nicht mein Problem, wo du schläfst

Ich halte schon beim Einfahren des Zuges in den Bahnhof die Augen offen nach der Frau mit dem Kaffeebecher, die mit ihrem Rollstuhl in der Kälte stand und so aussah, als würde sie sich selbst aufgegeben haben.

trainberlin

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Aber ich finde sie nicht mehr wieder an diesem Ort, der allemal auch den Namen „Niemandsland“ verdient hätte. Durchgefroren verlassen wir das Bahnhofsgebäude in der bereits hereingebrochenen Dunkelheit und nicht nur die Schwärze der Himmelsdecke, sondern auch die Kälte dort draußen hat zwischenzeitlich ihr Maximum erreicht. Draußen stehen Raucher* und offensichtlich gab es zwischenzeitlich einen Schichtwechsel bei den Polizist*innen. Ein ziehender Kopfschmerz breitet sich über meine Stirn aus. Es ist bitterlich, sich unter Einwirkung dieses Frostes zu bewegen. Ich kann deshalb kaum sprechen, lalle fast, mein Gesicht wirkt wie eingefroren. Die kalte Zauberhand eines sich noch kurz vor seinem Ende aufbäumenden Winters hat uns in versteinertes Geäst verwandelt. Wir waten wie zwei wankende Tannen aus dem Bahnhof heraus in die sternenklare Nacht, in die irgendwo die Frau, nach der ich Ausschau halte, aufgesogen worden war.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.« (Theordor Fontane, 1851)

Die Frau aus K.s Geschichte konnte nach mehr als zehn Jahren letztlich doch eine Wohnung finden und stand kurz davor, ihr Leben neu zu beginnen. Damals erschien es mir als Beweis dafür, dass vermeintlich schicksalhafte Ereignisketten auch manchmal durchbrochen werden konnten – durch den hartnäckigen Kampf eines einzelnen Individuums und durch kompetente Helfer*innen, die einem* mit ein wenig Glück begegneten. Vielleicht, so denke ich, trifft das auch auf die Frau mit dem Kaffeebecher zu und irgendwer* hat ihr geholfen, sie mitgenommen und in eine Notunterkunft gebracht, wo sie eine Suppe, Tee und ein warmes Bett bekommt. Ja, vielleicht stimmt das.

Frozen Let It Go GIF by Walt Disney Animation Studios

Quelle: giphy.com

Meine Gedanken verlieren sich im nebelhaften Atem, den wir aus unseren Nasenlöchern ausstoßen. Ohne N.s Hand wäre ich sicherlich schon längst erfroren, denke ich und kann es kaum erwarten am Hostel anzukommen.

 

Ein Gedanke zu “Warme Hände in kalten Zeiten.

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