Starke Frauen sind nicht immer gute Menschen

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Quelle: giphy.com

Wie ein alter, buckliger Stegosaurier sitzt meine Oma in ihrem Rollstuhl und starrt durch die orangenen Gläser ihrer Brille ins Leere. Bis ich sie antippe und sage: „Hallo, Omma!“ meine ich, sie habe nichts von dem mitbekommen, was um sie herum geschieht und das wäre nicht einmal viel gewesen.
Heute ist Welt-Frauentag und alle gedenken an die starken Frauen in unserem Alltag und unseren Familien, in unserem Freund*innen- und Bekanntenkreis, aus unserer Gesellschaft oder aus längst vergangenen Zeiten. Offensichtlich scheint es immer um Frauen zu gehen, die man* im Allgemeinen als „gute Menschen“ bezeichnen würde, da sie sich mit Mut und Leidenschaft für eine besondere Sache eingesetzt haben, die die Rechte von Frauen gestärkt hat bzw. stärkt. Ich finde fast ausschließlich idealisierte Darstellungen von Frauen und bin etwas verunsichert darüber, ob mein nächtlicher Gedanke, einen Text zu diesem Thema zu schreiben, ein guter war.
Ich möchte den Frauentag zum Anlass nehmen, eine Geschichte von einer Frau zu erzählen, der ich ebenfalls das Label „starke Frau“ zuordnen würde, weil sie in ihrem Leben viel gekämpft und viel geleistet hat für ihre Familie, aber auch viel für sich selber. Ich möchte heute eine Geschichte von einer starken Frau aus meiner Familie erzählen, die mutig und eigensinnig war und ist, aber die ich aus meiner Perspektive nicht unbedingt als „guten Menschen“ bezeichnen würde. Ich möchte euch heute von meiner einundneunzigjährigen Oma M. erzählen, die Tag ein Tag aus im Wohnzimmer ihres großen Hauses sitzt, ihre Füße über eine Holzmassagerolle schiebt und sich darüber beschwert, dass sie kein Mensch besuchen kommt, weil alle etwas anderes (besseres?) zu tun haben.

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Meine Oma war nie herzlich, sie hat mich nie mit warmem Gefühl in den Arm geschlossen oder sich an mein Bett gesetzt, wenn ich mit hohem Fieber als Kind zu Hause bleiben musste. Sie hat mir keine Marmeladenbutterbrote geschmiert, keine Buchstabensuppe gekocht, nicht die Löcher in meinen Socken gestopft, mir weder liebevolle Kosenamen gegeben, noch Geschichten vorgelesen oder etwas vorgesungen zum Einschlafen. Meine Oma ist von innen immer schon ein Stegosaurier gewesen. Verhornt und grob, neugierig und übertrieben sparsam, nachtragend und spitzfindig. Ich habe ihre Anwesenheit immer eher gemieden, weil ich Angst vor einem höhnischen Kommentar zu meinem zu dicken Po oder meinem unangemessenen Verhalten hatte. Das ist meine Oma aus der Sicht ihrer Enkelin in ihrer Rolle als Großmutter. Doch wenn ich auf sie blicke und sie in ihrer gesellschaftlichen Rolle als Frau wahrnehme, erscheint sie mir plötzlich ganz anders.

Eine Oma außerhalb der Norm

Vor einigen Jahren, als man* noch eine Unterhaltung mit ihr führen konnte, habe ich sie eine ganze Zeit lang besucht und mit ihr viel gesprochen. Sie hat mir von ihrer Kindheit erzählt, von ihrer späteren beruflichen Tätigkeit und dann von ihren ganzen Reisen, die sie nach dem Tod meines Opas genießen konnte. Sein Tod war ihre Befreiung. Da war ich sechs Jahre alt und ich erinnere mich nur noch an ein Telefonat, indem meine Mutter mir mitteilte, dass der Opa tot war und ich nicht genau wusste, ob ich jetzt weinen oder lachen soll. In meiner Familie war Trauer eher unsichtbar. Woher sollte ich auch wissen, wie das geht?

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Worüber ich mit meiner Oma in den letzten Jahren nie sprach, war ihre Beziehung zu meinem Opa. Von meinen Eltern wusste ich, dass er eine sehr autoritäre Person gewesen sein muss. Aufgezogen von seiner Oma und seiner Tante war er zwar in einem sehr weiblichen Familiensystem aufgewachsen, erfuhr er, wie man meinen könnte Frauen nicht als herzlich, sondern durch einen von Gewalt und Züchtigung geprägten Erziehungstil eher als kalt und hart. In der Kleinstadt wie H. kannte man sich und so wusste auch jeder vom kleinen Hein‘ und den proletarischen Frauen, die ihn mit Gossensprache zu einem harten Mann heranzogen. Und dann kam der Krieg und der Junge wurde Soldat, musste aus dem Flieger springen und wurde über den Niederlanden abgeschossen. Lazarett und daraufhin zurück in die Heimat. Irgendwann traf er dann „Marianne“ (wie man sie nannte), sie heirateten und bekamen vier Kinder, zwei Jungs, zwei Mädchen. Genau in der Reihenfolge. Der Erstgeborene hatte eine Behinderung und starb mit zwei Jahren, der Zweitgeborene sollte mein Papa sein. Mein Opa wurde Stuckateur und Alkoholiker. Er verprügelte meinen Vater regelmäßig mit einem Gürtel und sperrte ihn in den Keller. Er sollte ein Mann und kein Weichei werden. Diese Geschichte hat mir nicht meine Oma, sondern ihre Schwiegertochter, meine Mutter, erzählt.

Erzählst du mir, erzähl ich dir

In den Gesprächen mit meiner Oma ging es eher um ihre Geschichte, ihren Weg. Kindererziehung, das hatte meine Oma früh lernen müssen: Als älteste von acht Geschwistern (ein Bruder war der Ältere) musste sie als Mädchen schnell die Mutter in ihren Pflichten der Familienarbeit unterstützen. Da gab es gar keinen Weg dran vorbei. Irgendwann im Krieg wurde das Rheinland mit Bomben zugeschüttet. Die Kinder wurden verschickt. Oma nannte das „Kinderlandverschickung“. Sie sei in der Nähe von Magdeburg gewesen, irgendwo auf einem Bauernhof. Das war übrigens ihr Bezug zu meinem aktuellen Wohnort. Es habe ihr dort gefallen damals. Als sie mit meinem Opa zusammen war, hatte sie sich durchgerungen, einen Beruf zu erlernen und eigenes Geld zu verdienen. Ich glaube, es war ein kaufmännischer Beruf und sie war klug genug, um sich das Geld in die eigene Tasche zu stecken, bevor es versoffen wurde. Der Alte kam jeden Tag betrunken von der Arbeit und terrorisierte die Familie. Wenn das Essen nicht pünktlich auf der Tafel stand oder die Würzung nicht seinem Gusto entsprach, gab es Ärger. Ja, er wurde auch handgreiflich. Das wurde in Omas Erzählungen immer ausgespart und überhaupt wirkte das eingerahmte Bild von meinem Opa, das wenige Jahre vor seinem Tod entstanden sein musste, im Wohnzimmer des großen Hauses eher wie das eines Fremden oder wie ein zynischer Link auf mich. Aber es hatte wohl seine Bedeutung für sie und welche, das behielt sie für sich. Besonders enthusiastisch begann ihr Erzählton immer erst zu werden, wenn es um ihr Leben nach Opas Tod ging. Ein bisschen wirkte es wie eine Loslösung aus einem Korsett. Da reiste sie plötzlich unfassbar viel um die Welt, verbrachte viel Zeit mit Freundinnen, ging in die katholische Kirche und besuchte bis zuletzt einmal die Woche einen kirchlichen Stuhlgymnastik-Kurs.

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Ich weiß gar nicht, ob es nach Opas Tod war, aber sie besaß auch als eine der wenigen älteren Frauen in der Nachbarschaft einen Führerschein und fuhr einen schönen kremgelben Kadett mit roten Sitzpolstern und einem Dackel auf dem Armaturenbrett. Ich erinnere mich, dass ihr Auto immer nach diesen Duftbäumen roch, die man damals noch an den Tankstellen kaufen konnte. Wenn sie nicht die typische Oma war, war wenigstens ihr Auto ein typisches Oma-Auto. Omas Leben stand unter dem Stern Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Das ging so lange klar, bis dann irgendwann ihr Augenlicht nachließ. Die Ärzte diagnostizierten eine Makuladegeneration. Irgendwann würde sie blind sein. Mit dieser Krankheitsdiagnose wollte sie sich nicht abfinden. Sie grämte sich, unternahm alles, was in ihrer Macht stand, um den Prozess des Erblindens aufzuhalten. Dafür investierte sie viel Geld, ließ sich von ihren Kindern regelmäßig zu Arztterminen fahren und probierte diverse Therapien aus. Das hatte letzten Endes keinen nachhaltigen Erfolg. Mit einundneunzig Jahren ist Oma nun zu 80% blind und mittlerweile auch taub. Mit dem Aufkommen ihrer Krankheit wurde ihre Missgunst gegenüber jüngeren, fitteren und autonomeren Menschen stärker und ihr Bewegungsradius kleiner. Nach mehreren Stürzen verließ sie das Haus nur noch für kurze Spaziergänge mit meiner Tante oder meiner Cousine oder später mit den polnischen Betreuungskräften, die im Wechsel bei ihr wohnten und von ihr herumkommandiert wurden.

Wie hätte sie je besser sein können unter den Bedingungen?

„Ach, nie kommt mich einer besuchen“, hieß es oft, obwohl ihr jeden Tag mindestens zwei Besucher*innen Gesellschaft leisteten. „Ja, ihr habt ja immer so viel zu tun, da kommt ihr nicht mal zu eurer Oma, wie sich das gehört. Ich würde ja auch so gerne nochmal verreisen,“ waren auch typische Aussagen, mit denen man dann öfters konfrontiert wurde, wenn man sie besuchte. Gefolgt von Aufforderungen wie „Erzähl mir mal was, wenn du da bist! Hier passiert ja nichts mehr!“ Auch wenn ich ihre Position verstehen kann, war da immer so ein komisches Bauchgefühl, das ich verspürte. Ein Unbehagen, das mich darauf hinwies, dass da kein Wohlwollen ihrerseits entgegnet wurde. Es war pure Missgunst. Wenn ein Enkelkind in ihren Augen die Großmutter zu besuchen hatte, dann hatte die Oma in ihrer Rolle sich auch wie eine zu verhalten, oder? Nein, Herzlichkeit kannte sie nicht. Schließlich hatte es sie niemals in ihrem Leben gegeben.

Die Geschichte eines Stegosauriers

Omas Geschichte ist die eines Stegosauriers, der immer sehr einsam blieb in seinem Leben, obwohl immer Menschen um ihn waren. Selbst wenn sie da so sitzt, ruhig und schweigend in ihrem Rollstuhl und wartet, bis es wieder Essen gibt, weiß ich, dass sie die Welt nur aus ihrer Sicht wahrnimmt. Sie ist alles andere als friedlich. Sie ist eine starke und egoistische Frau und beides widerspricht sich nicht. Am Welt-Frauentag möchte ich heute meiner Oma M. gedenken, hinter der ein bewegtes, hartes Leben liegt. Die Kinder und Enkelkinder und sogar Urenkelkinder um sich hat, die sich um sie sorgen, an sie denken. Wenn es noch möglich wäre, würde ich ihr gerne sagen, dass ich Respekt habe vor ihrer Stärke, die sie als Frau im letzten Jahrhundert bewiesen hat. Dass ich beeindruckt bin davon, mit welcher Kraft sie es geschafft hat, ihr Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit durchzusetzen, obwohl sie Frau, Mutter und so viel mehr war. Vielleicht war sie zur falschen Zeit am falschen Ort mit dem falschen Geschlecht geboren worden? Ich wünsche mir, dass nicht nur Frauen, sondern alle Menschen in besseren Zeiten unter besseren Bedingungen aufwachsen und leben, sodass sie in Freiheit selbstständig ihr Leben gestalten können und dass sie Herzlichkeit und Liebe erfahren, um genau das an andere weiterzugeben.

Jurassic Park Dinosaur GIF by Pretty Whiskey / Alex Sautter

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Ein Gedanke zu “Starke Frauen sind nicht immer gute Menschen

  1. Liebe Tochter, ui, ui, ui. Ein harter Text. Aber so war deine Wahrnehmung. Die anderen Enkel werden das wohl anders wahrgenommen haben, da sie als Kinder viel mehr Zeit als du bei Oma verbracht haben. Ich, als Schwiegertochter stimme dir in grossen Teilen zu, aber ich kann dir nur beipflichten, dass Oma kein leichtes Leben hatte, in unmittelbarer Nähe zu ihrer Schwiegermutter und deren Schwester. Das waren schon sehr spezielle Persönlichkeiten. Letztendlich hat sich niemand selbst gemacht.
    Und, was nicht immer selbstverständlich ist, sie hat ihre Enkel, was ihre Geschenke betraf immer gleich gehalten und hat sich an ihnen gleichermassen erfreut.

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