Starke Frauen sind nicht immer gute Menschen

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Wie ein alter, buckliger Stegosaurier sitzt meine Oma in ihrem Rollstuhl und starrt durch die orangenen Gläser ihrer Brille ins Leere. Bis ich sie antippe und sage: „Hallo, Omma!“ meine ich, sie habe nichts von dem mitbekommen, was um sie herum geschieht und das wäre nicht einmal viel gewesen.
Heute ist Welt-Frauentag und alle gedenken an die starken Frauen in unserem Alltag und unseren Familien, in unserem Freund*innen- und Bekanntenkreis, aus unserer Gesellschaft oder aus längst vergangenen Zeiten. Offensichtlich scheint es immer um Frauen zu gehen, die man* im Allgemeinen als „gute Menschen“ bezeichnen würde, da sie sich mit Mut und Leidenschaft für eine besondere Sache eingesetzt haben, die die Rechte von Frauen gestärkt hat bzw. stärkt. Ich finde fast ausschließlich idealisierte Darstellungen von Frauen und bin etwas verunsichert darüber, ob mein nächtlicher Gedanke, einen Text zu diesem Thema zu schreiben, ein guter war.
Ich möchte den Frauentag zum Anlass nehmen, eine Geschichte von einer Frau zu erzählen, der ich ebenfalls das Label „starke Frau“ zuordnen würde, weil sie in ihrem Leben viel gekämpft und viel geleistet hat für ihre Familie, aber auch viel für sich selber. Weiterlesen

Auf ein fettes, faules und freies neues Jahr

JulesFuchs2018Wenn man gerade den alljährlichen Wahnsinn des Weihnachtsfestes überstanden hat, hält unsere Kultur ja noch einen letzten Feieranlass in dem alten Jahr parat: Silvester. Während in allen Medien die Legende eines Ritus der guten Vorsätze wachgerufen wird, Lifestylezeitschriften und Healthy Living Blogs schon wieder altbewährte und auf neu getrimmte Diätkonzepte, Alkoholabstinenz- und Nikotinentwöhnungstricks aus den Schubladen gekramt und mit neuen Pics aufgemotzt haben, erscheinen in dieser Jahresendzeitstimmung auch Prophezeiungen neuer Wege aus dem Singledasein, dem unbefriedigenden Berufs– oder Sexualleben oder Kinderlosigkeit mithilfe von hypnotherapeutischem Coaching. Ein Streifzug durch die Werbebotschaften des Internets macht es dieser Tage zwischen den Tagen möglich, den Zeitgeist unserer Gesellschaft einzufangen. Und irgendwie fällt mir auf, wie wenig ich offensichtlich zur Zielgruppe dieser Angebote zähle. Oder es mir zumindest so zurechtlege. Denn auch ich bin in diesem Jahr des Öfteren wieder in die Selbstoptimierungsfalle getappt und habe es währenddessen nicht einmal mitbekommen. Das nehme ich nun zum Anlass, um mich mit dem Ritual des guten Vorsatzes betraut zu machen: Indem ich es praktiziere. Weiterlesen

Von Pfoten und Quoten. Ein Leben nach der Wahl.

 

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Die Menschen in Deutschland haben gewählt. Und was kam dabei heraus? Die AfD ist im Bundestag. Aber: Wie konnte das passieren? Für viele vielleicht weniger überraschend, doch irgendwie habe ich mir das zuvor nicht ausgemalt und jetzt, jetzt ist der Fall eingetreten und was daraus nun folgt, werden wir nunmehr erleben. Aber sollten wir nicht eigentlich vielmehr darüber sprechen? Weiterlesen

Just another Tinder-Grippe.

08.01.2016 14:35 Uhr

Salut, M. Ich hoffe, du hast etwas von der Sonne heute. Welch Geschenk  🙂 Ich freue mich auf später. Kommst du am Bahnhof an? Bitte lass jegliche Erwartungen daheim 😉 Es wird unkonventionell und sicher fein. Allerliebst, Jules*

       15:04 Uhr

Ich bin gespannt! Ich lande am Bahnhof, ja. Wo wollen wir uns treffen? Den HBF kenne ich nicht sooo gut.

15:59 Uhr

Wir können uns in der Bahnhofsvorhalle beim Blumengeschäft treffen. Wenn du von den Gleisen kommst, liegt es direkt rechts am Eingang.

16:33 Uhr

So machen wir das! Bis gleich.

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Die Zukunft der Arbeit ist die Zukunft der Liebe.

Manchmal weiß ich gar nicht so genau, was ich schlimmer finde: einen Menschen zu lieben, der diese Liebe nicht erwidern kann oder die Liebe zwischen zwei Menschen, die aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen nicht zusammen sein können. Fest steht jedenfalls, dass in beiden Konstellationen Liebe und Leid nahe beieinanderliegen und viel Zeit ins Land gehen muss, bis die Liebenden dieses künstliche Ende ihrer Liebe einigermaßen überwunden haben. Weiterlesen

Lass uns nicht über Liebe reden.

Zwei Frauen sitzen stundenlang in der Küche und sprechen über die Liebe, über die Diversität heutiger Beziehungskonzepte, über Exklusivitätsansprüche, über den Ursprung von Monogamie und über den Unterschied von romantischer Beziehung und Freundschaft und alle Grauzonen dazwischen. Es kommen Fragen auf. Wer oder was entscheidet, was ich für Menschen empfinde und weshalb muss man das Verhältnis, das ich mit einer anderen Person habe, immer einer Kategorie zuordnen? Ja, und so sitzen sie da und trinken und plaudern und die Stunden vergehen, ihre Mitmenschen verdrehen die Augen ugentlemen_prefer_blondes_movie_trailer_screenshot_17nd fragen sich: Sind die eigentlich noch ganz dicht, diese Frauen mit ihren Erste-Welt-Problemen?

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Das letzte Millennium

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Als sie über Umwege erfuhr, dass er umgezogen sei; raus aus der alten schummrigen Bude, in der sie zeitweilen gemeinsam gehaust, gekocht und sich geliebt hatten auf dieser alten durchgelegenen Matratze; dass er sich nun eine größere Wohnung mit mehr Quadratmetern und Fenstern, mehr Platz zum Atmen und einer größeren Küche, einem größeren Kühlschrank, einer größeren Badewanne und einem größeren Balkon genommen habe; dass er sich eine neue Matratze gekauft und sich von seinem ganzen alten Plunder befreit habe, der in jeder Ecke seiner Bude zu finden war; befreit von dem restlichen Glitzer von ihr und ihm, der noch im Staub hinter den Regalen und Schränken schlummerte, da war es ihr mit einem Mal, als steche etwas in die Rückseite ihres Herzens und obwohl es schon Jahre her war, dass sie und er sich einander wie ein Liebespaar begegneten und nun auch schon einige Jahre ins Land gegangen waren, in denen sie getrennt voneinander lebten, schmerzte es trotzdem und immer noch zu sehen, wie leicht er sie aus seinem Leben gefegt und nun auch die letzten Nachweise ihrer Existenz darin eliminiert hatte. So wie ein kleiner Haufen Staub auf einem Kehrblech im Handumdrehen in den Hausmüll verschwinden konnte.

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An den neuen Wänden seiner neuen Wohnung hingen nicht mehr ihre übergroßen Bilder, die sie in exzessiven Nächten mit viel Rotwein intus auf dem Boden des Wohnzimmers barfuß sitzend wie ein wildes Tier ohne Bändigung produziert hatte.

Schaufelweise lud sie die Farbe mit dem Spatel auf die Leinwände und fühlte die Bedeutung von dem, was sie auf die weiße Fläche brachte. Es war die Liebe zu ihm, die sie oft klein und häuslich und deshalb manchmal auch rebellisch machte. Die Liebe, die er anders spürte als sie, was sie noch rebellischer werden ließ bis es sie quälte und es schließlich auf gar nicht so dramatische Weise in diesen vier Wänden, diesen heiligen Hallen ihrer Liebe, zu Ende ging mit ihnen beiden. In einer Nacht im Juli, in deren Dunsthaube sich alles Lebendige nur so nach Regen sehnte.

Und in dieser nächtlichen Hitze malte sie, hier auf dem Boden, weil seine unheilvolle Botschaft wie Schlick in der Luft lag und das Atmen schier unmöglich machte.

Der Boden in der neuen Wohnung war im Sommer schön kühl und der Zugang zum Schlaf ging einem leicht von der Hand. Früher musste ein klappriger alter Ventilator für das Einschlafen herhalten. Den hatte er in diesem einen seltenen, erschlagend heißen Sommer vor ein paar Jahren bei eBay-Kleinanzeigen einem Mann abgekauft, der den Nachlass seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter in der Garage ihres Hauses verscherbelte. Und egal wie oft sich die vergilbten Ventilatorenblätter auch drehten und die stehende Luftschicht in stinkenden Wirbelwind transformierte, es kam einem so vor, als könne man sie wie Aspik in einzelne Scheiben schneiden.

Dort, wo früher die übergrößen Leinwände mit ihren exzentrischen Farbkleksen hingen, waren heute moderat gerahmte Fotos von ihm und seiner Neuen an den weißen, drei Meter hohen Wänden angebracht. Eine schöne blonde und immerlächelnde Frau, schöner als sie jemals hätte sein können, eine feminine Naturgewalt und sie dagegen ein kindliches Neutrum. Mit ihren kleinen Brüsten und ihrem instabilen Körpergewicht, für Männer wie ihn unverständlich, was du auch immer für Probleme mit dem Essen hast, sagte er manchmal, während er sich nachts literweise Schokoladeneis in den Mund schaufelte und sie daraufhin begann heimlich zu essen, damit er sie nicht als ohnehin schon noch gieriger erlebte.

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Er verwischte ihre Spuren in seinen vier Wänden, die sie hinterlassen hatte und tauschte sie gegen Schätze einer anderen. Der Neuen. Die aß wenigstens das, was er ihr ab und an kochte, wenn ihn der Enthusiasmus gepackt hatte. Und sie zog Stringtangas an. Endlich eine Frau mit Stringtangas. Das hatte er schon immer gut gefunden und nie bekommen.

Im Flur der neuen Wohnung, da stand jetzt so eine bauchige Vase auf einem kleinen Schemel, der mit einem Brokatstoff bezogen war und hinaus ragte ein langer Stiel einer festlich wirkenden Schnittblume. Es hatte ein bisschen was aus diesen Hochglanzeinrichtungsmagazinen. Alles weiß, alles rein, alles klinisch. Zu gerne hätte man sich versehentlich ganz schlimm in den Finger geschnitten, um den weißen Boden mit purpurnem Gesprenkel zu struktuieren und vollzubluten. Das wäre zynisch gewesen. Wenn man nicht gewusst hätte, dass hier Menschen lebten, hätte man es für eine Instensivstation gehalten. Oder einen überteuerten Friseursalon in einer versnobten deutschen Großstadt. Ich liebe es puristisch, sagte er. Das Wort und seine Bedeutung hatte er von der Neuen, der Schöneren von seinen Frauen, gelernt. Die, die Stringtangas trug, seinen gebratenen Speck aß ohne danach auf der Toilette zu verschwinden und keine Anstalten machte, wenn er in ihr ohne Gummi kam.

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Tja, manche Menschen waren eben von Natur aus vollkommen, dachte sie sich. Und wieder andere mussten harte Arbeit dafür leisten, wenigstens einen einigermaßen positiven Eindruck bei den Männern zu hinterlassen. Doch zumeist war es schwer für sie. Die Männer interessierten sich höchstens für sie, wenn sie im Kino zur Vorführung die Filmrolle falsch einlegte. Dann drehten sie sich um zu ihr und für einen Moment konnte sie sich einbilden, dass sie es gut mit ihr meinten. Als hätten sie ihre sexuelle Erregung durch ihren Anblick wiedergewonnen. Dabei waren die heruntergelassenen Hosen und die erigierten Schwänze ganz typisch für ein Pornokino.
Es war an einem Montag im Herbst und es war keine gute Idee, dass sie sich in einem Café gegenüber saßen und schwiegen und sie schaute ihn an, sehnte sich danach mit ihren Fingerspitzen die Fährte seiner Augenbrauen nachzuzeichnen. Stattdessen trank er rasch seine Tasse Kaffee leer, legte die Münzen auf den Tisch. Schön dich mal wieder gesehen zu haben. Ich muss los, hab noch Termine. Sie hatte sich die Mittagspause an diesem verregneten Tag schöner vorgestellt. Eine Einladung zu seiner Habilitationsfeier mit Freunden am kommenden Dienstag erschien für ihn als Anlass. Bei sich zu Hause. In seiner neuen Wohnung. Ich würde mich freuen, wenn du kommst.

Schillerstraße. Da wohnten sie jetzt. Er und die Neue mit dem perfekten Körper und den Stringtangas.

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Nachdem sie ihre Wohnung betreten hatte, legte sie sich auf die kalten Fliesen in ihrer Küche und dachte daran, wie es war, als sie noch gemalt hatte. In der alten Bude. Das hätte ihr gerade sehr geholfen. Sie waren doch beide immer noch zwei normale, zwei erwachsene Menschen. Und doch waren sie nicht im Stande dazu, gemeinsam Kaffee trinken zu gehen, ohne Abstand von ihren Gefühlen zu nehmen. Zwischen ihnen verlor jedes algebraische Gesetz an Bedeutung und alles flog auseinander, in Scherben. Wie die Vase im sterilen Flur in seiner neuen Wohnung.

In der Schillerstraße wohnen nur diese widerlichen glücklichen Ehepaare, hatte einmal ihre beste Freundin Carmen gesagt, eine beziehungsgestörte Nihilistin auf dem besten Wege zu einem Waffenschein. Mag sein, dachte sie sich. Und jetzt wohnen da halt auch eine immerlächelnde blonde Naturgewalt und ein großer, braunhaariger Pantomime, der seine Entscheidungen zu den wichtigen Dingen des Lebens nur mit sich alleine fällte.

Im unteren Regal ihres Kleiderschrankes fand sie in der hinteren Ecke zusammengeknüllt in einer geknickten Plastiktüte mit kleinen Henkeln den letzten Stringtanga ihres Lebens. Ein Übrigbleibsel des Millenniums.

 

meine party

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Victoria (D 2015)

ich bin auch nur ein stückweit streetart,
bin schlecht geklebt an litfass,
halb abgeblättert wie ein altes plakat.
und du stehst trotzdem vor mir,
weil du dachtest, ich würde noch bevorstehen wie eine lang ersehnte party 
in den kellern der stadt.
dabei hat niemand mich groß angekündigt,
weil ich irgendwo im hinterhof auf meine gäste warte,
die nicht zu mir finden. 
das leben ist schlecht beschildert.
in großen druckbuchstaben bezeichne ich mich als MENSCH
und alle wissen, was gemeint ist,
wenn ich mit konfetti um mich werfe.
die 20er sind verheerend und 
immer mehr fühle ich weniger
graffiti auf meinem herzen, in meinen wimpern,unter meinen nägeln.
verblasst hänge ich hier und warte auf den regen
und keiner ist gekommen, 
um zu mir zu tanzen
das glitzern der diskokugel und sowieso,
hier glänzt der ganze floor.
das sind die schäume der letzten nacht
und du schaust mich an als sei ich neu
aus einer plastikpackung gedrückt.
die tanzfläche bei tageslicht bringt mich zum weinen
und alles was mir in den sinn kommt 
an diesem dreckigen dumpfen morgen
mit klebrigen schuhsohlen 
etwas in mitleidenschaft gezogen, ist:
tanz mit mir.

 

30 UND ROMANTISCH WIE EINE BROTKRUSTE.

Ein Mann, eine Frau, ein Herbstabend – man steht gemeinsam unter dem klaren Sternenhimmel und erblickt den großen Wagen, wie er seine Achse gleich über dem in Gold erleuchtenden Dom mit seinem verträumten Spiegelbild im ruhig daniederliegenden Elbearm erleuchten lässt. Es ist still und wenn mich nicht alles täuscht, wäre dies der richtige Moment  für eine erste zaghafte zärtliche Annäherung, sei es indem er ihre Hand ergreift oder auch nur ein Kompliment über ihr schönes Lächeln rausrückt. It‘s romance, um es zeitgemäß mit einem Anglizismus zu kommentieren. Früher, so mit 17 oder 20, also zu der Zeit, noch bevor Anglizismen in die Gefühlswelt der Menschen Einzug gehalten hatten (schließlich nannte man damals nicht seinen Freund Discman, sondern seinen portablen Plattenspieler), da hätte man das noch schlicht und ergreifend als romantischen Augenblick bezeichnet. Dieses ganze Szenario mit dem Sternenhimmelmotiv. Man hätte sich als Zuhörer*in dieser Narration vielleicht die Szene mit den beiden so am Elbeufer des Nachts unter dem glänzenden Sternenreigen in seinem Kopf ausstaffiert mit schöner Musik, vielleicht Paula Cole oder einem netten Song aus der Grey’s Anatomy-Compilation. Und man hätte geschwelgt in dieser Vorstellung von dem Moment, in welchem sich zwei Menschen einander näher kamen. Weiterlesen